
Aus der Einladung des Bürgermeisters zur
Beerdigung der Spiegelgrund Opfer: Zum Erinnern fehlen leider durchwegs überall
Quellen, Unterlagen, Forschungen...
Gedenkjahr 2008: Rückblick auf Fehlendes und
Interesselosigkeit
Zur Zeitgeschichte trotz einer eigenen
Magistratsabteilung weithin keinerlei Unterlagen, keine Quellen – und
Nachforschung „schwer möglich“ …
Mit dem Kalenderjahr 2008 ist neuerlich ein so genanntes „Gedenkjahr“ zu Ende
gegangen, - vorgegeben war, an den 70.Jahrestag des Ende des österreichischen
Staates im März 1938 gedacht zu haben!
Tatsächlich aber ist in Wien zu Fragen der Zeitgeschichte nicht nur das
tatsächliche Desinteresse, die Ausblendung und die laufende Geschichtsklitterung
deprimierend. Weit schlimmer wiegt, dass in Wien offenbar weithin keine Quellen
zur Zeitgeschichte vorliegen und dass – obwohl im Wiener Magistrat mit dem
Stadt- und Landesarchiv eine eigene Magistratsabteilung
(MA 7) dafür eingerichtet ist – auch politisch keine Wille vorhanden
scheint, die massiven Lücken zur Quellenlage zu schließen.
Wobei das noch möglich wäre, denn selbstverständlich sind Zeitzeugen noch am Leben!
Wie massiv das Ausmaß an Desinteresse, Ahnungslosigkeit und Verdrängung Ist, zeigen anschaulich die „Erledigungen“ zu jenen historischen Sachfragen, mit denen ich in der Bezirkpolitik die letzten Jahre die Wiener Verwaltung oder Bundesdienststellen beschäftigt habe.
Die Nachforschungen nach einem jüdischen Bethaus in der Breitenseerstraße, zerstört bei den Novemberpogromen des Jahres 1938 – ich hatte die Adresse in einer Liste gefunden – blieb ohne jedes Ergebnis, Wien besitzt dazu keine Unterlagen. Allerdings war auch die Kultusgemeinschaft auf Mutmaßungen angewiesen, dass es sich lediglich um einen Gebetsraum gehandelt haben könnte. (Vergleichsweise zeigt aktuell die bewundernswerte private Initiative zur Erforschung der „Thurner-Synagoge“ in der Herklotzgasse in Fünfhaus, in welchem Ausmaß bislang Wiener Zeitgeschichte unbearbeitet geblieben ist und wie leicht der Stadt Wien eine derartige Aufarbeitung möglich sein müsste!)
Keinerlei Unterlagen will Wien auch zur
Geschichte der Zerstörung des Turms der Penzinger Pfarrkirche im
April 1945 durch russischen Panzerbeschuss haben, - stellt aber den Vorfall bis
heute gleichsam als mutwillige Zerstörung dar.
(„Als
die ärgste Not schon vorbei war, schoss ein russischer Panzer am 9. April den
Kirchturm der Penzinger Pfarrkirche in Brand.“
Quelle:
www.bezirksmuseen.at/Penzing)
Tatsächlich war von einem Penzinger
NS-Funktionär, dessen Nachkommen bis heute in einem arisierten Penzinger
Bürgerhaus wohnen, in einem persönlichen „Endkampf“ vom Turmfenster der Kirche
auf die Russen das Feuer eröffnet worden. Klare Hinweise in diese Richtung haben
sich für mich nach eigenen langjährige Recherchen ergeben, die in der Wiener
Geschichtsschreibung noch niemand angestellt hat! Obwohl die Penzinger
Pfarrkirche als eine der ältesten Wien Bedeutung hat, ist die Zerstörung des
Turms bis heute offiziell ungeklärt.
Schlimmer noch sind Unterlassungen und Vertuschungen von Bundes- und
Landesdienststellen nach Auffindung von Skelettteilen im Haus Flachgasse 7 im
Zuge von Bauarbeiten. Nach Angaben aus Polizeikreisen und der Stadtarchäologie
fanden sich an Schädelkalotten Hinweise auf Schussverletzungen, - sämtliche
Hinweise lassen bis heute einen
Massenmord in den letzten Kriegstagen vermuten, zu dessen
Untersuchung allerdings Kompetenzen der Bundesverwaltung vorliegen.
Darstellungen mehrere Ministerinnen( Mag. Karl SCHLÖGL, Ernst STRASSER, Dr.
Dieter BÖHMDORFER und vorallem Elisabeth GEHRER) über GRÜNE Anfragen waren zum
Teil grotesk, sachlich schlicht falsch und von dem Bemühen gertagen, nichts
aufzuklären (behauptete Untersuchungen, vermutete Herkunft aus
Sekendärbestattung eines aufgelassenen Friedhofes etc.). Tatsächlich wurde der
Fundort bis heute nur über eine minimale Bodenöffnung untersucht, - eine Klärung
des Verbrechen ist bis heute sogar hinsichtlich der tatsächlichen Opferzahl
unterblieben.
Ebenso unterblieben ist jede Klärung eines Kriegsverbrechens in den letzten Kriegstagen durch abrückende SS-Einheiten, die am Baumgartner Spitz drei Jugendliche vermutlich als Deserteure erschossen hatten. Ich ersuchte 2007 die Stadt Wien um Auskunft über die Quellenlage, die Antwort des Kulturstadtrates Dr. Andreas MAILATH-POKORNY ist bis heute prototypisch: Man habe „im Wiener Stadt- und Landesarchiv trotz umfangreicher Durchsicht einschlägiger Literatur keine weiteren (sic!) Hinweise oder Quellen festgestellt, es sei „eine Nachforschung darüber hinaus schwer möglich“. Denkbar sei, dass der „verbrecherische, tragische Vorfall zwar damals großes Aufsehen erregt, aber möglicher Weise dennoch von niemand dokumentiert wurde“. Das Stadt- und Landesarchiv sei aber „ersucht, möglichen ergänzenden Hinweisen durch den in der Anfrage angesprochenen Zeitzeugen nachzugehen und sich direkt mit dem Bezirk ins Einvernehmen zu setzten“. Ein solches ist bis heute selbstverständlich nicht bekannt geworden, obwohl mir persönlich vom damaligen „Vorfall“ durch den langjährigen SPÖ-Bezirksrat Alfred HEINRICH berichtet worden war, der als Zeitzeuge für das Wiener Stadt- und Landesarchiv vermutlich bislang langjährig unerreichbar gewesen sein dürfte…
Mittlerweile wird aber offensichtlich gar nicht mehr das Stadt- und Landesarchiv mit seinen fehlenden Quellen bemüht, sondern das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) als zuständig abgesehen, wie sich zuletzt heraus gestellt hat. Zu meiner Kritik an der gängigen aber sachlich falschen Darstellung, die Zerstörung der Hadersdorfer Kielmanseggbrücke sei in den letzten Tagen durch nicht näher bezeichnete „Kriegshandlungen“ erfolgt, habe ich jüngst um Begründung dieser Wiener Sichtweise ersucht. Dazu sollten letzten Dezember in einer Sitzung der Penzinger Kulturkommission Fachleute gehört werden! Solche der MA7 waren gleich gar nicht eingeladen, - andere des DÖW mussten um Vertagung ersuchen! Tatsächlich wird zu der Sachfrage jede Menge an bislang unaufgearbeiteter Penzinger Zeitgeschichte zur Debatte stehen!
Und selbstverständlich werden weiterhin zur
Geschichte der NS-Anstalt „Am
Spiegelgrund“ entschiedene öffentliche Bemühungen eingefordert
werden, die weiterhin kaum dem Anlass entsprechen, sieht man von einer
jährlichen Gedenkveranstaltung ab, die dem persönlichen Engagement von
Betroffenen und der Penzinger Bezirksvorsteherin allein getragen wird.
Der Gedenkraum, der mittlerweile nach meiner langjährigen Kritik zwar
geringfügig verbessert wurde, vermittelt aber nach wie vor keineswegs das Grauen
einer Anstalt, die seinerzeit einem NS-Konzentrationslager gleichgekommen war
und von der bis heute Wien nicht einmal geschafft hat, auch nur allen Opfern
nachzuforschen!
Wie leicht das allerdings möglich wäre, wurde bei der jüngsten
Gedenkveranstaltung im letzten November bekannt: Mag. Waltraud HÄUPL, die als
Schwester eines am Spiegelgrund ermordeten Kindes, die wesentliche Forschung zum
Spiegelgrund seit Jahr und Tag als Privatperson betreibt, berichtete nämlich,
in weiteren Totenbüchern aus bisher nicht untersuchten Abteilungen des
weitläufigen Spitals jüngst die Namen zahlreicher weiterer Opfer registriert zu
haben. Kinder seien nämlich aus Platzmangel in den „Kinderabteilungen“ auch in
Abteilungen für Erwachsene gestorben, - dem Otto-Wagner-Spital oder dem Wiener
Stadt- und Landesarchiv waren derartige Nachforschungen bisher offensichtlich
nicht möglich…
Wolfgang Krisch, 3.1.09
E
Langjährige Berichte zum Thema:
Erforschung der Mordklinik "Am Spiegelgrund" steht weiter
aus !
Bürgermeister Häupl ist über Antrag der Bezirksvertretung Penzing nun an die nie
eingelöste Zusage der Stadt Wien erinnert !
6.3.2008
"Gedankenjahr" 2005:
Vom verschanzten Maschinengewehr-Nest
... heute vor 60 Jahren ! Ein Penzinger Beispiel zum Ausblendungsprozess des
heurigen Gedenkjahres !
9.4.05
„Schußwirkung
mit Einschuß über der Nasenwurzel...“
Ergebnisse
von Anfragebeantwortungen aus drei Ministerien zum Massengrab Flachgasse
7: Vollständige (!) Unfähigkeit einer Tatortgruppe der Wiener
Sicherheitsdirektion oder seltsame Ermittlungen zu vertuschtem NS-Massenmord !
30.10.02
Massengrab
Flachgasse 7: Konkreter Hinweis auf KZ-Häftlinge
Am Fundort des seit 1997 vertuschten Massengrabes sollen Häftlinge aus einem Konzentrationslager
gearbeitet haben
5.5.2002
Eine "überblicksmäßige
Zählung" von "10 Individuen"!
Die Hintergründe zu einem
Massengrab aus der NS-Zeit in der Flachgasse 7, das seit 1997 von der Stadt
Wien und dem Innenministerium vertuscht wird !
30.7.01