Goldglänzende Kuppel der Otto-Wagner-Kirche am ehemaligen Steinhof/Spiegelgrund


„Macht was d’raus !“


Zum Jahresanfang im Allgemeinen – und zur Gedenkkultur rund um die Kinder am Spiegelgrund im Besonderen




Wer hätte nicht den Wunsch zu Beginn eines neuen Jahrs, aus diesem das Beste zu machen? Hinsichtlich jedermenschs Möglichkeiten als privates Individuum sowieso, und als  Mensch mit sozialen Verbindlichkeiten in seiner ferneren Umgebung vermutlich nicht minder! Menschen in gar politischer Funktion stünde der Gedanke natürlich auch nicht übel an, aus seinem Amt „was d’raus zu machen“ – es müssen ja beileibe nicht im schlimmsten Fall private Millionen sein, die man für keine Arbeit in höchsten Funktionen kriminell anzunehmen die Stirn hat!


Die optimistische Aufforderung „Macht was d’raus!“ geht mir als Penzinger Hauptschullehrer und Bezirksrat ebenda allerdings nicht erst seit Silvester nicht aus dem Sinn, sondern schon seit einem trüben Tag im letzten November, an dem ich mit zwei gut vorbereiteten Hauptschulklassen an der alljährlichen Gedenkveranstaltung für die Kinder am Spiegelgrund teilnehmen konnte.


Die Veranstaltung wird zuletzt vor allem durch zwei Personen getragen, deren echtes Engagement und Nichtvergessenwollen der Geschichte der Kinder vom Spiegelgrund hohe Anerkennung verdient: Einerseits Frau Bezirksvorsteherin Andrea Kalchbrenner, SPÖ, die sich mit der Gedenkveranstaltung sichtlich selbst emotional belastet, andererseits durch Mag. Waltraud Häupl (mit Wiens Bürgermeister weder verwandt noch verschwägert), deren Schwester am Spiegelgrund  als Kleinkind ermordet wurde, und die seither ziemlich privat noch weit unbekannten Bereichen der NS-Mordklinik unermüdlich so nachforscht, wie man das eigentlich von öffentlichen Wiener Einrichtungen erwarten dürfte.
Ebensolches Engagement ist zudem in der AHS Linzer Straße bewundernswert, wo mehrere ProfessorInnen, ganze Schulklassen, ein faszinierender Schulchor und selbst ehemalige SchülerInnen, die ihr Wissen um dieses dunkle Kapitel der Bezirksgeschichte an Jüngere weiter geben, alljährlich mit hohem Bewusstsein um den Wert ihrer Arbeit zu der Gedenkveranstaltung beitragen.


In Richtung dieser Penzinger SchülerInnen, die zweifellos bald aktiv die  Zukunft unseres Gemeinwesens maßgebend mitgestalten werden, erging nun bei der jüngsten Gedenkveranstaltung letzten November durch einen hochrangigen Gedenksprecher der Veranstaltung der wohlmeinende, mehrfach wiederholte und wörtliche Appell: „Macht was d’raus!“ (Eine im Alter verfrüht teilnehmende äußerst brave Volksschulklasse war zu dem Zeitpunkt immerhin schon heimgeführt worden!)

Gemeint war damit natürlich in etwa, dass besonders die zukünftigen Eliten unserer Gesellschaft aus ihrer Einsicht in die Verbrechen der verheerendsten Diktatur des 20.Jahrhunderts die nötigen Schlüsse ziehen mögen, zumal sich Demokratie, Menschenrechte oder selbst banale Menschenwürde seit geraumer Zeit hierzulande und anderswo auf unserem Globus längst als hoch fragil und laufend pflegebedürftiger erweisen.

Der so aufmunternd daherkommende Appell des geschliffen formulierenden Gedenkredners, dessen ebenfalls persönliche Betroffenheit am Schicksal der Kinder vom Spiegelgrund mir unbestreitbar ersichtlich wurde, hinterließ bei mir dennoch grobes Unbehagen: Wenn in unseren „westlich-demokratischen“ Gesellschaften, wie ich sie höflich nennen will, in denen die Kombination von Eitelkeit und Raffgier einer dünnen Oberschicht unter der bewährten Devise „Hinter mir die Sintflut“ das Maß aller schlechten Dinge auf Kosten zukünftiger Generationen darstellt, verursacht mir die optimistische Aufforderung „Macht was d’raus“ eines Etablierten, selbst wenn’s natürlich nicht zynisch gemeint war, persönlich schweren Missmut. (Der Gedenkredner hatte nämlich obendrein gegen Ende seiner überausführlichen Gedenkrede, deren Pathos weniger kritischen Menschen möglicher Weise durchaus entsprechend erschienen sein mag, ein wenig den verbalen Zeigefinger erhoben und in einem Nebensatz hiesige Versäumnisse zum Beispiel der Sozial- oder Schulpolitik dezent anklingen lassen. Und wäre diesmal zu der Gedenkveranstaltung wieder einmal zumindest ein Mitglied des Wiener Stadtsenates erschienen  - was sich seit Jahren schon nicht mehr ereignet hat und auch nicht mehr für die Zukunft leicht zu erwarten steht – fürchte ich, der Mann hätte diesen Nebensatz weglassen können, denn mit seiner Meinung hält man oft nur dort nicht hinter den Berg, wo sie nicht als störend empfunden werden könnte.)

Einige Zitate berühmter Denker, die in der  Gedenkrede des Gedenkredners zur Erinnerung kamen, hatten im Übrigen schon einer früheren Rede Glanz verliehen, was per se nicht schaden kann! Wahrheiten lassen sich oft und gern wiederholen.
Diese Rede wurde jedenfalls 2009 gehalten, als der Gedenkredner in eine hohe Wiener Funktion in Nachfolge jenes Mannes kam, in dessen Verwaltung sich bis 2002 die unbeerdigten Leichtenteile der ermordeten Kinder vom Spiegelgrund in einer als „Gedenkraum“ dargestellten Rumpelkammer im heutigen Otto-Wagner-Spital befanden. Ich hatte diesen damals abtretenden Mann mit mehrfachen Artikeln in mehreren österreichischen Boulevardzeitungen über etliche Jahre hinweg zu überreden versucht, diese Leichenteile nicht als „Präparate“, sondern als unbeerdigte Mordopfer des NS-Regimes anzusehen und war auf gänzliches Unverständnis gestoßen, das von der damaligen SPÖ-Stadtregierung völlig geteilt wurde. Eine Beerdigung sei dem Erinnern an die Verbrechen abträglich, hieß es sinngemäß aus dem zuständigen Wiener Stadtratbüro – und selbst aus dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes wurde einer derartig abstrusen Sichtweise (eines guten Parteifreundes) nicht dezidiert widersprochen. 
Wonach ich schließlich mit der besten österreichischen Journalistin zu diesem Thema, Frau Marianne ENIGL (profil) mit dem Präparateverwalter in seinem unsäglichen  „Gedenkraum“ über sein Unverständnis persönlich diskutieren konnte: In der Geschichte der Medizin, so der durch meine Sichtweise mild irritierte Mann, habe es stets „Präparate“ gegeben. Mein Einwand, Wiener Ärzte hätten noch vor 200 Jahren selbst einen berühmten Schwarzen in Wien, einen Intellektuellen und Diener in Hochadelskreisen, nach seinem Tod zur Schaustellung ausgestopft und als „Präparat“ betrachtet, was heute als wohl ethisch stark verwerflich vermutlich Konsens sei, blieb ohne jeden Eindruck.

Der Mann und mit ihm die Wiener Stadtregierung war erst zum Handeln gezwungen, als in Folge Marianne Enigls Artikel im europäischen und außereuropäischen Ausland für selbstverständliches Entsetzen über die in einem Wiener Spital partout bewahrten NS-Leichenreste sorgten. In israelischen Fachkreisen hieß es bündig, in Wien endlich bestens verständlich, das stelle „ein weiteres Verbrechen“ an den NS-Opfern dar. Ob diesem Handeln tatsächlich ein allseitiges Umdenken voraus ging, weiß ich natürlich nicht, - öffentlich ersichtlich war ein solches nun aber plötzlich im Übermaß und zwar vollständig, vorbildlich und beispielhaft: Der bisherige Präparateverwalter leistete Großes für die Beerdigung der „Präparate“ und schrieb gleich ein mittlerweile zweibändiges wissenschaftliches Standardwerk zum Thema. Und die Stadt Wien begann europaweit nach Menschen zu suchen, die bisher nichts davon ahnen konnten, dass Leichenreste ihrer ermordeten Angehörigen in Wien bis lang nach 2000 in einem Spitalskeller unbeerdigt bleiben sollten. Und schließlich fand sich die Wiener Stadtregierung zu einer weltweit verfolgten feierlichen Bestattung an einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof ein. Auf einer diesbezüglichen Einladung, die im Auftrag des Wiener Bürgermeisters an mich erging, prangte ein gutes Zitat aus Sophokles‘ Antigone, das jemand rechtzeitig vor dem Festakt gegoogelt haben dürfte: „Jeder hat ein Recht darauf begraben zu werden“. Ob damals der bisherige Präparateverwalter aus dem Wiener Spital, der in rascher Folge natürlich auch mit einem hohen Ehrenzeichen der Stadt Wien für seine Verdienste um die Aufarbeitung der Geschichte der Kinder vom Spiegelgrund dekoriert wurde, an dem Begräbnis teilgenommen hat, weiß ich gar nicht.

Dafür weiß ich aber, dass nun im November 2010 der aktuelle Gedenkredner  als Nachfolger des Mannes noch vor kurzem bei seiner feierlichen Installierung in sein nunmehriges Amt dem ehemaligen Präparateverwalter dafür Dank gezollt hatte, dass er in ihn, seinen Nachfolger, „einen Keim gelegt habe.

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass in Jugendlichen auf ihrem heutigen Weg zu kommenden Eliten stets auch der wichtige Gedanke präsent am Keimen bleibt, dass nicht zu selten Opportunismus und Mitläufertum verhängnisvoll zu einem viel zu großen Opfer werden können, welches man für eine persönliche Karriere vielleicht glauben mag erbringen zu müssen. Allein schon mit dieser Einsicht hätten junge Menschen schon einmal reichlich viel und Kluges „drau’s gemacht“, wenn sie einmal das Schicksal unserer Gesellschaft zu gestalten haben werden.
Jene Penzinger HauptschülerInnen, die an der fast zweistündigen Gedenkveranstaltung sehr nachdenklich teilnahmen und vielleicht nicht so einfach als kommende Eliten reüssieren werden, war da und dort durchaus bewusst, dass am Spiegelgrund nicht selten Kinder aus Unterschichten auch nur deshalb beseitigt wurden, weil sie „schlimm“ (damals: schwererziehbar oder asozial) waren und als Belastung der damaligen Wiener Sozialfürsorge allein schon aus Kostengründen um's Leben kommen konnten!  Manche der SchülerInnen schienen mir diese Erkenntnis mit erstaunlichen Einsichten zu reflektieren , ob sie „drau’s was  machen können“, weiß aber natürlich nur das Schicksal.

Ob es das Schicksal für kommende Gedenkveranstaltungen am Spiegelgrund  gut meint, wird sich ebenso zeigen, wie die hinkünftige Teilnahme von noch lebenden Opfern unter den ehemaligen Kindern vom Spiegelgrund! Sie seien mittlerweile betagt und krank, war als Erklärung für ihr diesjähriges, vollzähliges Fehlen zu hören – und ich gewann dabei den Eindruck, es  wäre sehr schwierig, sie mittlerweile überhaupt zur Teilnahme an der alljährlichen Gedenkveranstaltung zu bewegen. Dies würde mich keineswegs wundern – ich habe aber nicht weiter gefragt und weiß es daher nicht.

Jedenfalls wünscht allen für jedwedes Unterfangen - im privaten Bereich zum legalen Eigennutz oder in öffentlicher Funktion mit den geringsten Ansprüchen an noch nicht ganz zeitfernen Altruismus  -  gutes Gelingen und  viel Glück, was durch gar nichts zu ersetzen ist, wenn das schöne Motto denn mit Optimismus auch 2011 allgemein heißen soll: „Macht was d’raus!

Wolfgang Krisch, 31.12.2010


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