Weil viele Eltern vor allem in der stillsten Zeit im Jahr kaum noch passende Spielkonsolen oder Handygames zur Beruhigung ihrer Kinder  finden, um das Lesen zu fördern, und weil der Penzinger Mandatar Krisch ohnehin zunehmend um Wohlfühlpolitik bemüht ist, lässt er hier nachstehend seine kritische Natur einmal Natur sein, und darf ein altes Märchen zur allseitigen Erbauung anbieten! Er hat es im Bezirkwesten in alten Folianten  sicher gefunden und gut aufgeschrieben, damit es nicht verloren geht. Für  Kinder ab dem Volksschulalter ist es gewiss verständlich. Persönlich serviert er gerne Bratäpfel vor dem Kachelofen dazu, wenn er es auch Großen vorliest, die solche Märchen, ganz wie die Kleinen, gern hören und grundlos für fantastisch halten.
Wolfgang Krisch


Das Märchen vom schlauen Kaufmann und seiner hässlichen Tafel auf
der schönen Wiese


Vor gar nicht langer Zeit lebte einmal ein Kaufmann, der seine Kaufmannskunst im mächtigen Königreich Reifeißen gelernt hatte. Als der Kaufmann schon in jungen Jahren reich genug dazu war, zog er in die große Stadt und eröffnete am Rande des großen Waldes ein gutes Geschäft, um den wohlhabendsten Leuten bescheidene Zimmer, große Häuser und riesige Paläste zu verkaufen, damit die Menschen dann fast beschenkt und glücklich darin leben mochten. Weit und breit ließ der Kaufmann berichten, er sei ehrlich und verlässlich, sein Handschlag allein schon von so gutem Wert wie ein sicherer Vertrag.
Und damit man überall in der Gegend von seinen Zimmern, Häusern und Palästen erfuhr, ließ er überall – auch mitten im großen Wald – gut gebaute Tafeln aufstellen, so groß, wie sie noch nie zuvor gesehen worden waren. Sie wurden sogar in der Nacht mit Fackeln beleuchtet, um den vielen Menschen, die im Finstern im Galopp in ihren Kutschen vorbei gezogen wurden, bei ihrem Wunsch nach schönen Zimmern, Häusern und Palästen Tag und Nacht den Mund ganz wässrig zu machen.

Eines Tages ließ aber der Kaufmann so eine riesige Tafel mitten auf eine kleine Wiese an einem schönen Bach aufstellen, obwohl man auf der Wiese nach dem strengen Gesetz des Kaisers dort überhaupt nichts bauen durfte. Darum scherte sich unseren Kaufmann aber gar nicht und ließ auf die Tafel auch mit großen blauen
Buchstaben seinen bekannten Namen schreiben.


Da kam eines Tages ein armer Bauer mit seiner einzigen mageren Ziege an der Tafel vorbei und begann zu überlegen, warum hier mitten auf der Wiese plötzlich eine Tafel stehen durfte. "Auf meiner mageren, kleinen Wiese hinter dem Ziegenstall" so wunderte sich der Bauer, "haben mir die Beamten nicht einmal ein kleines Dach für meine arme Ziege bauen lassen, sodass mein armes Tier
bei WInd und Wetter im Freien stehen muss! Warum durfte der reiche Kaufmann hier seine Tafel bauen?" Und weil er auf diese kluge Frage selbst gar keine Antwort fand, stellte er sie bald darauf den Beamten und Räten des Kaisers, denn das durfte jeder Bauer im Land.
 

Man werde seine Frage prüfen, hieß es sogleich. Und bald darauf bekam der arme Bauer wirklich Antworten von einem Rat
des Kaisers. Nur kamen dem Bauer diese Antworten ein wenig seltsam vor: Zuerst erzählte man ihm, klipp und klar, dass man nicht wissen könne, wem die Tafel gehöre und wer sie gebaut habe. Dass der Name des Kaufmannes groß auf der Tafel stand, hätte gar nicht weiter geholfen. Man hätte den Erbauer und Besitzer der Tafel ganz einfach nicht finden können! Man habe aber niemand erlaubt, auf der Wiese etwas zu bauen!

Also fragte der arme Bauer einfach ein Jahr später, ob man schon wisse, wer die Tafel gebaut habe und wem sie gehöre. Ja, sagten die Beamten und ein Ber
ater des Kaisers jetzt, sie hätten fleißig weiter gesucht und wüssten jetzt alles.
Dem guten Kaufmann, dessen Namen auf der Tafel steht, dem gehöre die Tafel natürlich doch und niemand sonst als er selbst habe sie bauen lassen! Er habe sich bisher nur einen kleinen, lustigen Scherz damit gemacht, das hartnäckig abzustreiten. Das hätte die Behörde jetzt schon nach einigen Monaten  heraus gefunden. Und weil man außerdem bemerkt habe, dass auf der Wiese das Bauen wirklich streng verboten war, muss die große Tafel bald entfernt werden. Nur leider aber sei gerade jemand gestorben, der mit der Sache zu tun habe, und jetzt wisse man nicht, wer sich in Zukunft um die Sache kümmern werde. Man müsse einfach warten, so ist es das Gesetz!
 

Also  wartete der wissbegierige Bauer und fragte nach dem nächsten Jahr Rat und Beamte des Kaisers wiederum, ob wieder wer gestorben wäre, bevor er sich um die Sache hatte kümmern können. Da strahlten Rat und Beamten des Kaisers vor Freude und sagten dem armen Bauer, niemand sei gerade gestorben, und die Sache sei überdies erledigt und fertig. Längst schon hätte der Kaufmann die Tafel ordentlich entfernt, so wie man es ihm befohlen habe. Neulich habe der Kaufmann den fleißigen Beamten des Kaisers in einem Brief davon geschrieben und sogar ein selbst
gemaltes Bild zum Beweis mitgeschickt. Auf diesem sehe man nur die Wiese ohne Tafel, genau so, wie es das Gesetz verlangt.


So verabschiedete sich
der Bauer zufrieden und glücklich darüber, dass Gesetz auch für reiche Kaufleute aus dem Königreich Reiffeißen vor den braven Räten und Beamten gelten müssen!


Aber was sah er da, als er mit seiner Ziege auf dem Heimweg an der berühmten Wiese vorbei kam? Da stand die große, hässliche Tafel des schlauen Kaufmanns wie seit Jahren unverändert. Und so merkte nun
der Bauer gleich, dass jemand gelogen haben musste. Als er das nächste Mal mit seiner Ziege bei den Beamten vorbei kam, wollte er sich diese schlimmen Lügen erklären lassen.

Auch diesmal waren die braven Beamten höflich und
geduldig mit ihm und wackelten nur wenig mit ihren langen Zeigefingern, weil der Bauer so lästig war und sie bei ihrer anstrengenden Arbeit dauernd mit seinen Fragen störte. Sie sagten also: "Unser braver Kaufmann, mit dem wir ohnehin viel zu streng sein müssen wegen dir, hat sich bei den höchsten obersten Richters des Landes beschwert. Er möchte einfach seine Tafel stehen lassen, punktum, sie gefällt ihm,  und Schluss! Das allerstrengste Gesetz des Landes verlangt von uns Beamten nun aber, dass wir warten müssen, bis die obersten Richter des Landes die Sache geprüft und ein Urteil gesprochen haben! Und das kann bestimmt ein paar Jahre dauern, die Herren hätten für viele Jahre schwere Arbeit zu tun."

Und so blieb die Tafel Jahre und Jahre lang
ganz verboten auf der Wiese stehen. Alle Menschen, die vorbei kamen, gewöhnten sich an ihren hässlichen Anblick, schämten sich aber dafür, wie in ihrem Land Kaufleute und Beamte die Gesetze des Kaisers missachten können. Dem Bauer starb bald die einzige Ziege, dann starb er selbst. Bald war er samt seiner Ziege ebenso vergessen wie das Gesetz des Kaisers. Die Beamten lachten aber noch Jahre darüber , wie lustig und geschickt sie den armen Bauer zu ihrem Vorteil gefoppt hatten.  Der schlaue Kaufmann schließlich, dem die Beamten natürlich heimlich geholfen hatten, das Gesetz zu missachten,  lebte mit seiner berühmten hässlichen Tafel auf der schönen Wiese glücklich und zufrieden. Und wenn der Nordwind oder ein Erdbeben sie nicht umgeworfen hat, so steht sie noch heute dort und kann bestaunt werden.

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