Schulversuch wienweit oktroyiert - und durchwegs vorbei an den
Schulpartner-Gremien: Die "Gläserne Schule" gibt es in Wien nur im
architektonischen Sinn am Kinkplatz!
Kooperative
Mittelschule: Wiener
Schulversuch flächendeckend
oktroyiert !
SPÖ und ÖVP
versuchen seit Schulbeginn mit einem gemeinsam, diskret vereinbarten
Schulmodell, gänzlich Unterschiedliches zu
erreichen – und werden selbstverständlich scheitern !
Wer
immer irgendwo in Wien - also auch in Penzing - für sein Schulkind seit Schulbeginn in einer bisherigen
Hauptschule, Mittelschule oder AHS mit einem gänzlich neuen Schultyp
konfrontiert ist, in dem sein Kind jetzt überraschend steckt, wird zumindest
nicht allein perplex sein müssen!
Mit
dem heurigen Schulbeginn ist nämlich irgendwie – die Betonung liegt durchaus
auf dem Umstandswort – die „Kooperative Mittelschule“ (KMS)
fast wienweit eingeführt worden! Grundlegendes Kennzeichen dieser neuen
Schulform ist dabei eine angestrengte Zusammenarbeit zwischen bisherigen
Hauptschulen ( bzw. dem bisherigen Schulversuch Mittelschule) sowie AHS -
Standorten oder solchen auch weiterführenden Schulen bei Aufrechterhaltung
der getrennten Schulstandorte. Hauptschulen und AHS - Standorte bekamen von irgendjemand wechselseitig Partnerschulen zugeteilt,
und haben diese nun ,- auch ohne zu wissen, wie.
Das
weitere Wie ist grundsätzlich ebenso ungeklärt! Klar ist bislang nur, daß AHS
- LehrerInnen in HS unterrichten werden, was umgekehrt allerdings streng
verboten ist aber „Kooperation“ heißen soll. Alle sonstigen weiteren Ziele
sind kryptisch oder als unklare Wortblasen formuliert: Eine „verbesserte
Schnittstelle“ soll „
nach
der 8. Schulstufe“ erreicht werden, ebenso „Berechtigungs-Zertifikate“.
„Nachteile
für weitere Bildungswege“ sollen „minimiert“
und „Schülerströme
so beeinflusst“ werden, daß „Nachteile
bei weiteren schulischen Bildungswegen vermieden“ werden. Zuletzt sind
„vielfältige
autonome Gestaltungsvarianten“ gepriesen und eine lange Liste „pädagogischer
Prämissen zur Führung einer KMS“ veröffentlicht, die weit in die
eigenberechtigte und selbstbestimmte Arbeit der Klassen und LehrerInnen
eingreifen, - und dennoch für das Schuljahr 2004/05 vom Wiener SSR als „verbindlich“
bezeichnet werden. Alles in allem daher: Schöne Worthülsen ohne
Sachinhalt!
Verbindlich
waren nämlich bislang auf politischer Ebene die „vielfältigen
autonomen Gestaltungsvarianten“, um die
klammheimliche Einführung des neuen Schulmodells zwischen SPÖ und ÖVP
großkoalitionär
zu akkordieren und sicher zu stellen! Zwar ist richtig, daß sich schon
1999 alle damals im Wiener Landtag vertretenen Fraktionen (in einem s.g.
„Wiener Bildungsrat“) angesichts völlig einseitiger Ströme Wiener
SchülerInnen in Richtung der AHS die Einführung der KMS „empfohlen“
hatten. Für die Wiener GRÜNEN kam dazu auch von mir selbst diese Empfehlung,
- allerdings selbstverständlich vorbehaltlich der damals gänzlich unbekannten
Rahmenbedingungen und Durchführungsbestimmungen. Zudem war für die GRÜNE
Zustimmung in dem s.g. „Wiener Bildungsrat“ auch die damals beschlossenen
Verankerung als eigener Schultyp im Schulorganisationsgesetz maßgebend!
Dazu
unternahmen aber SPÖ und ÖVP über Jahre hindurch aber ebenso wenig keinerlei
Schritte, wie zur konsensualen Erarbreitung der noch unbekannten Durchführungsbestimmungen
und Rahmenbedingungen vor einer Beschlußfassung, die niemals diskutiert wurden.
Die wurden nämlich klammheimlich und unter strikter Wahrung beider
Parteiinteressen zwischen Roten und Schwarzen brüderlich ausgeheckt und
obendrein erst nach einer Beschlußfassung bekannt gemacht, für die obendrein
schlaue Zeitzwänge geschaffen wurden! Der Beschluß wurde nämlich mit dem
Schicksal des Schulversuchs „Mittelschule“ so verknüpft, daß bei Ablehnung
der KMS die Schulstandorte des „Schulversuchs Mittelschule“ wieder als
schlichte Hauptschulen hätten chaotisch definiert werden müssen! Womit SPÖ
und ÖVP auch jede Ablehnung der KMS als Beitrag zu organisatorischem Chaos im
Wiener Pflichtschulwesen hätten anprangern können!
Und
auch danach fand man keinerlei Anlaß zu schuldemokratischen oder rechtlichen
Kinkerlitzchen! Schon allein die Frage, wie es plötzlich rechtlich möglich
sein könnte, Schulversuche - die bisher nur an streng limitierten Standorten
bewilligungsfähig waren - quasi flächendeckend einzuführen, ist von SSR und
dem Bundesministerium gänzlich unerklärt geblieben!
Gänzlich
unerklärt blieb auch, wie an den Schulstandorten die allein beschlußfassenden Gremien
(Schulforen an der HS, SGA an AHS) mit sprachlos machender Dreistigkeit zu s.g.
„Zustimmungen“ gebracht wurden: Den VertreterInnen der Schulpartner wurde nämlich
– sofern sie überhaupt gefragt wurden – die Einführung eines gänzlich
neuen Schulversuchs als politisch beschlossenes Faktum dargestellt, dem – auch
ohne jede Kenntnis des sachlichen Inhalts – pro forma zugestimmt werden könne
oder müsse. Die Zustimmung der SchulpartnerInnen wurde daher abverlangt und
eingeholt, ohne den Betroffenen auch nur erklären zu können, wie der
Schulversuch letztgültig zur Einrichtung beabsichtigt sei. SchulleiterInnen und
Beamte der Schulaufsicht erklärten bis zuletzt dem Inhalt nach unisono, es sei
„ noch
nix fix “, man wisse „ noch
nichts Genaues “, - nur beschlossen müsse es sofort werden! Selbstverständlich
aber hatten SPÖ und ÖVP sehr wohl
„Genaues“ längst fein gewirkt abbesprochen, was nach und nach auf Websites
oder losen Papieren peu a peu in Lehrerkollegien sickerte und danach als „ohnehin
schon bekannt“ nicht mehr als diskutabel zugelassen war.
Den Vogel dabei schoß eindeutig die Abteilung I. im Wiener SSR mit ihren s.g.
„Pädagogischen
Prämissen zur Führung einer KMS“ ab, die erst bekannt wurden,
nachdem der Schulversuch längst als beschlossen und unverrückbar galt. In
langer Punktation ist dabei ohne jede Erklärung, wie dafür reichlich nötige
Ressourcen aufzubringen sein könnten, alles aufgelistet, was Schulentwicklern
derzeit gut genug - und unfinanzierbar ist! Die Vorgangsweise wird
entweder dazu führen, daß die Vorgaben großteils nicht erfüllt werden
können oder eine unbezahlte, enorme Erhöhung der Arbeitsverpflichtung der
LehrerInnen verursachen müssen!
Besonders pikant sind allerdings die deutlich erkennbaren Motive von SPÖ und ÖVP
zur handstreichartigen Einführung dieses
„ Schulversuchs“ :
Die ÖVP zum einen hat eingesehen, daß in Wien niemand mehr freiwillig an den
Besuch einer Hauptschule denkt, sieht das aber als österreichischen Sonderfall,
da sie in den Bundesländern ein prächtiges Funktionieren der Hauptschulen wähnt.
Demnach gleichen Wiener AHS mit SchülerInnenzahlen von durchwegs weit über 30
(!) bereits häufig den von der ÖVP so gefürchteten „Gesamtschulen“ mit
katastrophalen Folgewirkungen. In Wiener HS dagegen, die zahlreich von Sperre
mangels SchülerInnen bedroht sind, klagen Eltern und LehrerInnen auch trotz
kleiner Klassengrößen über katastrophale Leistungen und monströse
Verhaltensauffälligkeiten zahlreicher SchülerInnen, die vormals gerade noch in
ASO beschulbar gewesen wären. Die zweifellos großen Erfolge der Wiener HS in
der Integration von SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird
dagegen – von der ÖVP wie von weiten Elternkreisen - völlig gering geschätzt!
Die ÖVP sieht also den neuen Schulversuch selbstverständlich als Möglichkeit
zur Auslese von AHS- Klassen in Richtung der neu etikettierten HS-Standorte und
zum Drill zu Fertigkeiten von HauptschülerInnen, die an Lehrberufe verwiesen
werden sollen, welche derzeit über minder qualifizierte Lehrlinge klagen. Zudem können
die Schwarzen nun behaupten, der spezifischen Wiener Situation abgeholfen zu
haben und keinen bundesweiten Reformbedarf erkennen zu können. Und überdies
verträgt sich der neue Schulversuch prächtig mit den ÖVP-Ideen zu einer
Standardisierung von Unterricht und Leistungsüberprüfung, der längst auch die
SPÖ zustimmen würde.
Die SPÖ ihrerseits träumt in völliger Verkennung der ÖVP-Strategie davon, mit
dem Schulversuch der ÖVP die bundesweite Einführung der Gesamtschule
schmackhaft machen zu können, was immerhin beweist, wie grenzenlos naiv die SPÖ
selbst ihren jahrezehnte langen, wieder herbei gesehnten Koalitionspartner
falsch beurteilt!
Beiden Parteien völlig gleich ist im übrigen nur die Ignoranz selbst der dürftigsten
Standards der Schuldemokratie und ihre Sichtweise, daß ihre parteipolitisch
bestellten DirektorInnen in Schulen de fakto nach wie vor autokratisch
bestimmen! Im
übrigen ist selbst der Name der „Kooperativen Mittelschule“ eine simple
Schnittmenge von bisherigen SPÖ-ÖVP-Lieblings-Schulmodellen. Die ÖVP steuerte
vorweg das „Kooperative“ bei, die SPÖ hintennach die „Mittelschule“ !
Conclusio:
Bei allem Übereinstimmen, daß die Schule der 10-14jährigen unter höchstem
Reformstau leidet – die ursprüngliche GRÜNE Zustimmung zu dem Schulmodell
beruht auf tatsächlichem, unmittelbaren Handlungsbedarf – ist die Einführung
der KMS ein Musterbeispiel für völlig anachronistische, verpolitisierte
autokratisch-zentralistische Schulpolitik! Aufgezwungene Schulversuche
bei gleichzeitiger Kürzung aller Ressourcen, und zwar auf Basis von Polit-Rankünen, Rechtsbeugung, Tricks und
parteigesteuerten Zwängen verstehen nämlich nur mehr Parteisoldaten als
zeitgemäße und erfolgsversprechend!
Die Wiener GRÜNEN werden jedenfalls mit hoher Bereitschaft zu Detailgenauigkeit
dem neuen „Schulversuch“ weiter höchstes Augenmerk widmen, allerdings
wesentlich umfangreicher und transparenter informieren, als uns dies bisher möglich
war!
Wolfgang
Krisch, 8.9.2003
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