Gedenkjahr 2008: Erforschung der Mordklinik "Am Spiegelgrund" steht weiter aus !

Bürgermeister Häupl ist über Antrag der Bezirksvertretung Penzing nun an die nie eingelöste Zusage der Stadt Wien erinnert !
 

Wenn im heurigen Gedenkjahr die Republik dem Ende Österreichs vor 70 Jahren gedenkt, wird das wohl da und dort offizieller Anlass für besinnliche Worte bei Gedenkveranstaltungen bieten, nach denen wie üblich der Alltag einkehrt!
Im üblichen Wiener Politikalltag allerdings ist die Beschäftigung mit der schwärzesten Epoche unserer Vergangenheit leider nach wie vor keineswegs ein Thema, - zumindest nicht in der Wiener Stadtregierung!

Als ich 2002 mit Hilfe des Magazins profil und internationalen Medien in fast zehnjähriger (!) Arbeit Wiens SPÖ „überredet“ hatte, zumindest die letzten sterblichen Überreste von ermordeten Kinder aus einem s.g .“Gedenkraum“ der Klinik Am Spiegelgrund (das heutige Otto-Wagner-Spital) endlich zu beerdigen, entdeckte Wien damals erste Veranlassungen, Angehörige von Ermordeten zu finden, die dahin nichts vom Verbleib ihrer Familienmitglieder  gewusst hatten.

Beim Trauerakt auf dem Zentralfriedhof war Wiens Stadtregierung schließlich fast vollzählig ergriffen versammelt, - ein Umdenken schien eingesetzt zu haben, und die Beerdigung der wohl letzten bis dahin unbeerdigten NS-Opfer führte zu zahlreichen positiven Reaktionen: Zum einen unternahm die Justiz zumindest den (zu späten) Versuch, Dr. Heinrich GROSS, einen der hauptverantwortlichen Ärzte der Mordklinik und Sammler der „Schädelpräparate“ der ermordeten Kinder, doch noch den Prozess zu machen! Dr. GROSS konnte Verhandlungsunfähigkeit glaubhaft machen und starb zuletzt als unbescholtener Bürger unbehelligt. Allein der Aufwand, ihm einen hohen Orden der Republik abzuerkennen, war ein immenser und gelang erst, nachdem BM Elisabeth GEHRER dem Arzt reichlich Gelegenheit gewährt hatte, in dem Aberkennungsverfahren seine Rechte zu wahren!

Immerhin aber ist seitdem die öffentliche Debatte um die Mordklinik „Am Spiegelgrund“ nicht abgerissen, sie war vielfach Thema in Theater, Film und Fernsehen, mehrere Bücher von Opfern und Angehörigen sind erschienen, allesamt jedoch durch privates Engagement.


„Die genaue Zahl der Opfer wird sich wahrscheinlich nie mehr eruieren lassen…“

Die Stadt Wien hat in zeitlicher Nähe zur Beerdigung der Opfer im Otto- Wagner-Spital ein wissenschaftliches Symposion veranstaltet und auf meinen Antrag im Pavillon V des Spitalkomplexes einen Gedenkraum eingerichtet und zuletzt lediglich noch eine geringfügige Kleinausstellung in den Räumlichkeiten des Wiener Stadt- und Landesarchivs organisiert.

Die Errichtung eines Denkmals im Otto-Wagner-Spital ging neuerlich bloß auf das Engagement der Penzinger Bezirksvertretung zurück, so wie dies auch für jährliche Gedenkfeiern im November gilt, die in Zusammenarbeit der Bezirksvorsteherin, von Opfern und Angehörigen sowie Jugendlichen aus dem Bezirk tatsächlich sehr würdevoll gestaltet werden.

Dass es in der jüngsten Einladung zu dieser Gedenkfeier hieß, „Die genaue Zahl der Opfer wird sich wahrscheinlich nie mehr eruieren lassen“ (da „ ein großer Teil der Unterlagen beim Einmarsch der Alliierten vernichtet wurde“), liegt nun leider allerdings eindeutig am erschreckenden Desinteresse der Wiener SPÖ-Stadtregierung! Denn was nicht untersucht wird, wird sich tatsächlich nicht eruieren lassen, - und bis heute ist kein Versuch unternommen worden, die Geschichte der Anstalt „Am Spiegelgrund“ wissenschaftlich so zu erforschen, wie dies für eine NS-Vernichtungsanstalt selbstverständlich sein müsste!

 
Selbstverständlich war allerdings eine wissenschaftliche Erforschung von Wien angekündigt und versprochen worden, als im Jahr die letzten Opfer vom Spiegelgrund beerdigt worden waren. Erfolgt ist sie niemals, woran im Vorjahr profil erinnerte, als beim Umbau der ehemaligen niederösterreichischen Krankenanstalt Gugging zu einer Eliteuniversität Unterlagen weiterer Opfer aufgetaucht waren, von deren Überstellung auf den Spiegelgrund und deren weiteres Schicksal bisher nichts bekannt gewesen war. Derzeit sind 788 Namen von Spiegelgrund-Opfern abgesichert, in ungezählten weiteren Fällen besteht oft nicht einmal Klarheit über Schreibweisen der Namen, über den Verbleib der Internierten oder über Bestattungsorte.

Und zwar deshalb, weil danach nicht geforscht wird und noch nie umfassend geforscht wurde. Völlig unbearbeitet ist zudem auch die große Zahl jener Spiegelgrund-Opfer, die in Folge der damals üblichen „Sozialfürsorge“ des Wiener Magistrates als „asozial“ in die Anstalt eingewiesen wurden! Dass die Akten dieser Betroffenen beim Einmarsch der Alliierten vernichtet wurden“, ist noch weit unwahrscheinlich als in den meisten anderen Fällen.

Ich habe daher im Juni des Vorjahres (!) über Antrag an Wiens Bürgermeister beantragt, die Geschichte der Anstalt am Spiegelgrund endlich so wissenschaftlich zu erforschen, wie das von Wien ursprünglich auch zugesagt worden war! Von der SPÖ war ich dazu ausdrücklich ersucht worden, aus Gründen der  „schnelleren Erledigung“ (!) den Antrag nicht an Wiens Bürgermeister sondern an die Gesundheitsstadträtin Maga. Sonja WEHSELY zu richten! Deren Antwort auf den einstimmig angenommenen Antrag fünf Monate später(!) hätte nicht ernüchternder, ja erschreckender, ausfallen können!
 

„Versperrbare Garderobenschränke“ und "angemessene Empfangseinrichtung"....

Auf den Antragsinhalt selbst -  die Erforschung der Anstaltsgeschichte und seiner Opfer  -  ging Frau Stadträtin mit keinem einzigen Wort ein und verwies lediglich auf den bestehenden Gedenkraum im Otto-Wagner-Spital! (Dessen lieblose Ausgestaltung und grobe Vernachlässigung hatte übrigens zuletzt dazu geführt, dass das bekannteste Spiegelgrund-Opfer die Annahme eines hohen Ordens der Stadt Wien ausdrücklich abgelehnt hatte.)

Dieser Gedenkraum, der „komplizierte Sachverhalte leicht vermittelt“ so stellt Stadträtin Wehsely obendrein falsch dar, sei auf Initiative der Stadt Wien errichtet worden! Und als einzige konkrete Maßnahme erneuerte Frau Stadträtin ernsthaft ihre schon wiederholte und jahrelange Ankündigung ,für den Gedenkraum „versperrbare Garderobenschränke“ nebst der Einrichtung einer angemessenen Empfangseinrichtung im Eingangsbereich besorgen zu wollen.


Schlimmer und entlarvender kann kompliziertes Desinteresse wahrlich nicht mehr vermittelt werden, - und zwar Desinteresse an nicht weniger als der Geschichte einer Wiener NS-Mordanstalt, die natürlich anderen NS-Einrichtungen zur Verfolgung und Vernichtung von Menschen, auch Konzentrationslagern, der Intention ihrer Errichtung nach selbstverständlich gleichzuhalten sein muss !


Ich habe daher umgehend den so abgetanen Antrag neuerlich eingebracht, und zwar wortident und an Wiens Bürgermeister persönlich. Der Antrag wurde neuerlich einstimmig angenommen! Dr. Michael HÄUPL  wird nun also wohl im Gedenkjahr 2008 letztgültig klären, wann sich Wien der Aufarbeitung seiner eigenen Zeitgeschichte grundsätzlich zu stellen bereit ist!

70 Jahre danach scheinen nicht zu früh !

Wolfgang Krisch, 6.3.2008
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