Text auf der Einladung zum Trauerakt für die Spiegelgrund-Opfer 2002 ...

Kinder vom Spiegelgrund: Versprochene Forschungsstätte fehlt seit nunmehr 5 Jahren
Antrag dazu an den Bürgermeister war nur im Zweifel zulässig und wird erst im Bezirk „geprüft“
 

Als vor fünf Jahren sterbliche Überreste der Kinder aus der NS-„Euthanasie-Anstalt“ „Am Spiegelgrund“ endlich beerdigt wurden, war ein Großteil der heutigen SPÖ-Stadtregierung vor dem Ehrengrab am Zentralfriedhof anwesend. Die Grabesreden schienen mir ehrlich, - da und dort war sogar ein wenig wohl dosierte Selbstkritik der politischen Repräsentanten angedeutet!

Zu der bestand auch aller Anlass! Mehr als zehn Jahre lang sahen Verantwortliche der Stadt Wien keinerlei Notwendigkeit, für unbeerdigt gebliebene Leichenteile von Mordopfern der NS-Ideologie ein Grab zu bereiten oder auch nur Angehörige zu finden, die vom  Verbleib ihrer Verwandten seit Kriegsende keinerlei Nachricht hatten. Erst als ich mit Hilfe von profil, dieses wiederum mit Unterstützung renommierter internationaler Institutionen, den Penzinger „Gedenkraum“ mit den Gehirnen der Kindern in Glastöpfen weltweit bekannt gemacht hatte, gelang ein Umdenken in Wien, - auf der Einladung zu den Begräbnisfeierlichkeiten, die mir zuging, standen vorweg Sophokles’ Worte aus „Antigone“: „Jeder hat ein Recht darauf begraben zu werden.“

Dieses Recht haben die Mordopfer nun gehabt, - seither sind sie in der Öffentlichkeit, in Kunst, Medien und bei privat Betroffenen nicht in Vergessenheit geraten und waren Gegenstand weit reichender Beschäftigung, zumeist aus privater Initiative. Aber auch in Penzings Bezirksvertretung ist das alljährliche Erinnern an die Kinder vom Spiegelgrund ein allgemeines Anliegen aller Fraktionen bei ganz beachtlicher Anteilnahme der Bevölkerung!

Weniger beachtlich ist jedoch leider nach wie vor das Engagement der Wiener Stadtregierung!

Nach den letzten Personalrochaden im Wiener Stadtsenat hört man zwar mittlerweile seit längerem von einem angeblich guten Weg“ zu einer endlich entsprechenden Ausstattung jenes Gedenkraumes im Bereich des Otto-Wagner-Spitals (Pavillon V links unterhalb der Otto-Wagner-Kirche), der auf meinen Antrag hin, im Jahr der Beerdigung eingerichtet wurde.

Sofern der gute Weg tatsächlich auch einmal zu einem Ziel führt, wird Wien endlich statt der wenigen Plakatständer in dem Raum eine würdige und entsprechende Aufbereitung des Themas nach Standards vergleichbarer Gedenkräume zu Stande bringen! Derzeit macht die von Schulklassen gut besuchte Gedenkstätte nämlich lediglich dann Sinn, wenn man eines der letzten noch lebenden Opfer der Anstalt, Herrn Fritz ZAWREL, bei sehr persönlichen Schilderungen von den Torturen der NS-Ärzte erzählen hört. Herr Zawrel sah übrigens zuletzt Anlass, einen hohen Orden der Stadt Wien, den man ihm verleihen wollte, nur deshalb auszuschlagen, weil er lieber mehr Erinnerung der Stadt Wien auf die mittlerweile schon wieder vergessenen Opfer der Anstalt konzentriert wissen will.

Zu genau diesem Zweck hatte die Stadt Wien nämlich aus Anlass der Beerdigungsfeierlichkeiten auch die Einrichtung eines „Forschungszentrums“ am Otto-Wagner-Spital versprochen, - und zwar keinesfalls grundlos.

Von den bisher 802 Namen, die von Mordopfern der Anstalt gesichert bekannt sind, fehlen vielfach zahlreiche Angaben über Herkunft, Grund ihrer Internierung und selbst der Bestattungsort. (So sollen bislang nicht einmal jene Stellen am nahe gelegenen Baumgartner Friedhof bekannt sein, wo Kinderleichen aus der Anstalt verscharrt worden sein müssen).

Gänzlich unbekannt ist ferner auch der Anteil der NS-Sozialfürsorge an den Tötungen der Anstalt. Die Mordopfer waren nämlich keineswegs nur Behinderte oder Kinder, die einfach als behindert angesehen wurden, was schon auf Grund einer simplen Hasenscharte vorkommen konnte!  

Die Tötungen in der Anstalt betrafen nämlich auch Kinder und Jugendliche, die damals als „asozial“ über Betreiben der Jugendämter eingewiesen werden konnten und nach heutiger Sichtweise durch geringe Verhaltensauffälligkeiten in die Tötungsmaschinerie des NS-Regimes gerieten. Kinder aus sozial deklassierten Schichten wurden oft äußerst rasch nur deshalb in der Anstalt interniert, gefoltert oder gar getötet, - weil sie von ihren Eltern unbetreut in der Schule oder Öffentlichkeit Ärgernisse oder Mühen bereiteten, - und das Schicksal aller Opfer dieser Penzinger „Mord“- und keineswegs „Heil“anstalt ist selbstverständlich den Schicksalen von Häftlingen in NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern gleichzusetzen.


All das dürfte aber die Wiener Stadtregierung bis heute nicht so verstanden haben, wenn nun 5 (fünf) Jahre nach dem feierlichen Trauerakt keinerlei Bemühungen bekannt sind, um die Geschichte dieser Wiener NS-Anstalt auch nur vollständig zu erforschen und zu dokumentieren.


Eine jüngste Erinnerung im Nachrichtenmagazin „profil“  zum Fehlen der Forschungsstätte blieb von Wiens Stadtregierung völlig unkommentiert,  obwohl die Erinnerung gut begründet war:  Von weiteren 281 Kindern und Jugendlichen – allesamt Zugänge aus der Gugging (da räumt man derzeit offenbar grad NS-Hinterlassenschaft auf, weil die ehemalige Anstalt nun zu einer Elite-Universität wird) – ist über deren Verlegung nach Penzing auf den „Spiegelgrund“ bislang nicht das Geringste bekannt.

Ich habe jedenfalls nun in der Sitzung der Bezirksvertretung am 13.6. 2007 mit Antrag an Wiens Bürgermeister persönlich die Einrichtung einer Forschungsstätte verlangt und darauf hingewiesen, dass die Penzinger NS-Anstalt nach Stand der Wissenschaft heute selbstverständlich einem NS-Konzentrationslager gleichzuhalten sein muss (Hier der Antrag im Volltext).  Dass der Antrag überhaupt eingebracht werden durfte, war allein schon reine Glücksache! Ein Rathausjurist tat ihn nämlich als unzulässig ab, weil er an Wiens Bürgermeister gerichtet ist, ein anderer traute sich, das Gegenteil zu meinen, - im Zweifel durfte ich ihn gnädig vorlegen. Jetzt ist immerhin schon beschlossen, in Penzing über den Sommer lang zu erwägen, ob man meiner Forderung in einer Sitzung im Herbst zustimmen soll, wonach das Ansinnen, so man ihm dann zugestimmt haben wird, doch dem Herrn Bürgermeister ans Herz gelegt werden darf....

Ich habe keinerlei Zweifel, dass Wien dieser Forderung irgendwann wird entsprechen können, -  ein Ablehnen wäre weit unangenehmer als die bisher nötigen Hinweise auf bloßes Desinteresse der Wiener SPÖ-Stadtregierung.
 


Zuletzt: Zur Erforschung der NS-Vergangenheit finden mittlerweile – selbst in sehr konservativ regierten Bundesländern –  Kommunen erstaunliches Engagement und Courage (hier mehr von einem drastisches Beispiel aus Groß-Gerungs, einer niederösterreichischen Gemeinde im ehemaligen „Ahnengau“ Adolf Hitlers).

Dass derartig ehrliches Engagement demnächst endlich auch in Wien einsetzen könnte, hofft nach wie vor

Wolfgang Krisch, 26.6.07


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