U4: Wegen Laubfall „über die Station hinausgeschlittert“!
Die Wiener Linien bieten zu den diversen U4-Pannen neuerdings eine grandiose herbstliche Erklärungsvariante!


Das Schönste an Politik und Verwaltung ist allemal, dass es für alles eine Erklärung gibt, über die man reden kann. Oder zumindest eine Ausrede für eine Erklärung - über die sich lachen lässt.

Am kreativsten zeigten sich diesbezüglich zuletzt zweifelsfrei die Wiener Linien, zu deren Betrieb auf der U4 ich über Anfrage wissen wollte, weshalb ein regulärer Stationshalt in der Station Schönbrunn am 29.10. des Vorjahres spektakulär misslungen war. Die Garnitur konnte in der Station nicht angehalten werden, kam aber immerhin bald danach auf freier Strecke zum Stehen. Binnen kaum 10 Minuten gelang es schließlich dem Zugsführer, die Garnitur, deren schwerer technischer Defekt durch dröhnenden Lärm allein akustisch schon feststellbar war, durch ruckartiges Vorsetzen, Anhalten, Ausrasten und neuerliches Vorsetzen bis in die Station Meidling zu verbringen, wo die Fahrgäste erklärungslos das Weite suchen durften. Ich ersuchte also um Auskunft, ob Fahrgäste der Wiener Linien für sicheres Ankommen schon Glück nötig hätten, um unbehelligt an ihr Fahrziel zu kommen.

Die für die Wiener Linien mittlerweile zuständige Stadträtin Renate BRAUNER übermittelte zuletzt eine nett textierte Anfragebeantwortung, in der sie sogar für die ausbleibende Fahrgastinformation um Entschuldigung ersuchte. Die Ursache des Vorfalls war darin rasch wie folgt erklärt:

An besagtem Tag war die Gleisanlage in der Station Schönbrunn durch die vorherrschende Wetterlage extrem verunreinigt. Dadurch entstand ein äußerst ungünstiger Schienenzustand, durch den die Räder des Zuges beim Bremsvorgang blockierten.
Die Züge der Wiener U-Bahn sind - ähnlich dem Antiblockiersystem (ABS) bei Kraftfahrzeugen - mit einem Gleitschutz ausgerüstet. Dieser bewirkt, dass die Bremskraft des Rades nachlässt und die Bremswirkung dadurch wiederhergestellt wird. Dabei verhält sich der Zug ähnlich wie ein Auto, das auf Glatteis gebremst wird. Auch hier kann das Fahrzeug nur durch pumpartiges Bremsen zum Stillstand gebracht werden.

So sehr die Wiener Linien bedauern, dass der vorgesehene Anhaltepunkt in der Station Schönbrunn dadurch mehrmals nicht eingehalten werden konnte und die Züge über die Station hinausschlitterten, bitte ich auch um Verständnis, dass die U-Bahnfahrerlnnen in einem solchen Fall den Auftrag haben, den Zug erst in der nächste Station anzuhalten.

Damit verrät Frau Stadträtin obendrein, dass es mehrmals (!) zu derartigen Vorfällen kam und dass der Gefahr nach dem ersten "Hinausschlittern" nicht entsprochen wurde! Dennoch fehlt in dem Schreiben zuletzt natürlich nicht der beruhigende Hinweis, dass die „Wiener U-Bahn zu den sichersten U-Bahnen der Welt zählt, dass ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem dafür sorgt, dass das auch so bleibt und dass man bestrebt sei, den hohen Sicherheitsstandard nicht nur zu halten, sondern auch zu verbessern, wo dies möglich ist“, dass sich aber Vorfälle, die durch derart ungünstige Witterungsverhältnisse verursacht werden, leider nicht gänzlich vermeiden lassen.“

Womit man als U-Bahn-Fahrgast allmählich schon auf das Ausbleiben jedweder Witterung für eine planmäßige U-Bahn-Fahrt hoffen muss, denn mittlerweile erklären die Wiener Linien die zahllosen Defekte aller Jahreszeiten mit ausgeklügelten, stets  ganz ungünstigen, Witterungsverhältnissen. Die banalen Hitze- und Kälteschäden unserer Klimaextreme im Sommer und Winter, die zu Verspätungen, Ausfällen und Bränden führen, haben nun mit der Laubfall-Erklärung endlich auch eine übergangszeitliche Ergänzung für den Herbst erhalten.
 
Jetzt fehlt nur mehr, dass aus dem Fundus der 1001 Ausreden der Wiener Linien die aktuellen Defekte im Frühjahr mit Pollenflug erklärt werden, so lange für überhaupt sämtliche Gebrechen der hoffnungslos veralteten Garnituren ( bei reduzierten Servicearbeiten) am Besten gleich der globale Klimawandel als Ausflucht günstiger erscheint!

Und die zahlenden Fahrgäste können sich ja in Anbetracht der anstehenden Tariferhöhung, die die Wiener Linien für demnächst planen, immerhin durch das wirklich ausgeklügelte Fabulieren des Verkehrsunternehmens reichlich entschädigt fühlen, - man hat ja sonst viel zu wenig zu lachen!


Wolfgang Krisch, 16.3.07

P.S. Die Tariferhöhung ist mittlerweile nicht Vermutung geblieben. Ab demnächst verlangen die Wiener Linien 10% höhere Fahrkosten! Grund: Die aufwändigen Verbesserungen für Sicherheit haben ihren Preis! Hoffentlich wurden mittlerweile auch Besen zum Freikehren der Geleise der U4 gekauft - sollten böse Bäume wieder extrem Laub verlieren!
28.3.07

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