Eine "überblicksmäßige
Zählung" von "10 Individuen"!
Die Hintergründe zu einem
Massengrab aus der NS-Zeit in der Flachgasse 7, das seit 1997 von der Stadt
Wien und dem Innenministerium vertuscht wird !
Am 21. November 1997 stieß ein Baggerfahrer
bei Aushubarbeiten im Hof einer Mechanikerwerkstatt in der Flachgasse 7 auf
menschliche Knochen. Polizei wurde verständigt, die Baustelle gesichert, die
Werkstatt versiegelt. Die darauf folgenden Untersuchungen durch Wiener
Stadtarchäologen machten bald unzweifelhaft klar, daß es sich um ein
Massengrab und keineswegs um einen alltäglichen Knochenfund handelte.
In 80 Zentimeter Tiefe fanden sich unter einer bis zu zwanzig Zentimeter dicken
Kalkschicht die Überreste von insgesamt zehn Personen, darunter Frauen und
Kinder, die in zwei Schichten übereinander lagen. Die näheren Untersuchungen
erbrachten ein entsetzliches Ergebnis: An mehreren Schädelskeletten fanden sich
Einschußlöcher, die nach Meinung von Experten auf Schüsse aus nächster Nähe
schließen ließen.
Diese schrecklichen Spuren - so waren sich alle Experten bald einig - wiesen
eindeutig auf eine Exekution hin. Und da an keinem einzigen Skelett
Kleidungsreste, Uniformteile oder Erkennungsmarken nachzuweisen waren, wurde
einerseits ein militärischer Zusammenhang klar ausgeschlossen, andererseits
schlüssig angenommen, daß die Opfer dieses Massenmordes zu ihrer Exekution
nackt antreten mußten. Gerichtsmediziner kamen später anhand der
Einschußkanäle in den Schädeldecken zu dem Schluß, daß die Opfer zuerst in
ihr Grab steigen mußten, ehe sie erschossen wurden (KURIER 26.11.1997)!
Der Leiter der Wiener Stadtarchäologie, Dozent
Dr. Ortolf HARL, kam daher gegenüber einem Journalisten des KURIER (26.11.1997)
zu einem klaren Schluß der Untersuchungen: "Aus den bisherigen
Erkenntnissen ist ein Zusammenhang mit der Hinrichtung von Opfern des NS-Regimes
wahrscheinlich." Darüber hinaus sei zu befürchten, daß in dem Massengrab
noch wesentlich mehr Opfer verborgen liegen, weshalb das Areal
weiter umgegraben werden solle.
Tags darauf berichtete der KURIER von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen "Verdachts des Mordes an
Unbekannten" und von der Ankündigung des damals ressortzuständigen
Stadtrates Dr. Peter MARBOE, "das Verbrechen restlos und historisch
richtig aufzuklären", läge doch die "Vermutung sehr nahe",
daß es sich um eine "Exekution jüdischer Familien" gehandelt
habe." Dozent HARL , wurde mit der wissenschaftlichen und geschichtlichen
Klärung beauftragt und erneuerte seinen Verdacht eines NS-Verbrechens.
Spekuliert wurde über Opfer der Todesmärsche ungarischer Juden, die gegen
Kriegsende zum Bau von Verteidigungsanlagen gegen die anrückende Rote Armee
gezwungen wurden, ehe sie im Jänner und Februar 1945 unter unmenschlichen
Bedingungen nach Westen getrieben wurden. Wer nicht weiter konnte, wurde am
Wegrand erschossen oder erschlagen. Mindestens 10 000 von insgesamt 40 000 Juden
sollen nach Angaben des Militärhistorikers und Leiters des Wiener
Heeresgeschichtlichen Museums Dr. Manfred RAUCHENSTEINER damals ums Leben gekommen sein.
Möglich sei aber
auch, daß es sich bei den Opfern um Ostarbeiter oder Roma handle. Vor allem die
Kalkschicht, welche die zehn Skelette bedeckte, lasse ein NS-Verbrechen
jedenfalls als wahrscheinlich erscheinen.
Dozent HARL im KURIER vom 29.11.1997: Auf
jeden Fall handelt es sich um eine "Opfergruppe des Dritten Reiches. Die
Tötung von Menschen gehört nicht in die archäologische ,Schublade', sondern
in die ,Verbrecherschublade', und muß auch dort bleiben."
Auch mit dem Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Paul GROSZ, würde über die weitere Vorgangsweise beraten.
Zudem wurden über Aufruf im KURIER Zeitzeugen gesucht.
Tatsächlich sollen sich zahlreiche Zeitzeugen
gemeldet haben, über deren Aussagen überwiegend nichts bekannt wurde. Nicht
bekannt wurde auch, ob auf dem Areal überhaupt nach weiteren vermuteten Opfern
gesucht wurde. Nach unserer Einschätzung ist das keineswegs erfolgt!
Dafür klagte Stadtarchäologe HARL schon am 6.12. im KURIER, daß die Stadt
Wien die Untersuchungen nicht fortsetzen konnte:
" Uns hat man jetzt die Causa aus der Hand genommen. Wir sind alles
andere als glücklich darüber."
Nach Wissensstand der GRÜNEN hat Dozent HARL mit dem unbestimmten Fürwort
"man" das Innenministerium gemeint, das die Angelegenheit unter BM
Karl SCHLÖGL damals an sich zog.
Schon vier Tage später (am 10.12.1997) wurden
erstaunliche Neuigkeiten über das Massengrab veröffentlicht: Das Alter der
Skelette einzuschätzen war plötzlich "schwierig",
denn die Radio-Karbon-Methode
funktioniere bei jungen Knochen "weniger gut ",
eine Untersuchung sei auch "zunächst nicht vorgesehen". Die
Gebeine "dürften aber mehr als hundert Jahre" alt sein. Ferner
fehlten nach "präzisen Untersuchungen" den Einschußlöchern
in den Schädeln urplötzlich "alle Charakteristika einer
Schußverletzung" und einer ungenannten Zeitzeugin zufolge sei das
Areal des Massengrabes in den letzten Kriegstagen "völlig zerbombt"
gewesen, sodaß dort keinesfalls "Kriegsopfer (!) hingerichtet (!!) und
verscharrt worden" sein konnten. Und da zu den Skeletten, deren Fundort
nunmehr nicht in 80 Zentimeter, sondern in zwei Metern Tiefe gelegen sein soll,
(angeblich) Rippen- und Beckenknochen fehlten, sei - so der Chef der Wiener
Gerichtsmedizin, Professor Georg BAUER - die These einer "Sekundärbestattung
" nahe liegend. Die Knochen könnten aus einem aufgelassenen Friedhof oder
Karner stammen und in der Flachgasse neuerlich begraben worden sein!
( Diese Annahme - soviel darf ich zu
dergleichen gerichtsmedizinischem Mutmaßen beitragen - ist natürlich völlig
abwegig, weil selbstverständlich niemand blanke Knochen aus einem Friedhof oder
Karner im Zuge einer Sekundärbestattung mit zwanzig Zentimeter Kalkschicht (!)
bedecken würde, was nur bei der raschen, oberflächlichen Beerdigung von
Leichen in Massengräbern zur Vermeidung von Seuchengefahr gehandhabt wurde.
Darüber hinaus gab es vor hundert Jahren schon längst keinen Karner mehr im
Bezirk - und es wurde zur fraglichen Zeit auch kein Friedhof aufgelassen!)
Jedenfalls kam es bis zum heutigen Tag zu
keiner weiteren Informationen über den Massenmord in der Flachgasse ,- und
selbstverständlich unterblieb auch die von Stadtrat Dr. Peter MARBOE versprochen
restlose und richtige Aufklärung.
Eine ausführliche Anfrage von mir beweist das völlige Desinteresse der Stadt
an einer Aufklärung des Verbrechens (Anfragetext und
Antwort hier)
Aufschlußreich waren mittlerweile allerdings
die " Berichte zur Archäologie 1/98 ", eine Publikation der
Forschungsgesellschaft der Wiener Stadtarchäologie, die von Dozent Dr. Ortolf
HARL herausgegeben werden. In der dort veröffentlichten Fundchronik zur Adresse
Flachgasse 7 ist von Einschußlöchern in fünf der Schädel zu lesen, die auch
von der Mordkommission der Wiener Polizeidirektion festgestellt worden seien,
von "einer kurzen Nachgrabung "(!), sowie einer Einengung der
"Zeit der Niederlegung" auf " die 1.Hälfte des
20.Jahrhunderts". Interessant der kryptische, höchst widersprüchliche
"Nachtrag der Redaktion":" Der Fund, der beträchtliches Medienecho
ausgelöst hat, wurde von gerichtsmedizinischer Seite untersucht. Ein
offizielles Ergebnis liegt noch nicht vor, doch zeichnet sich zum gegenwärtigen
Zeitpunkt ab, daß ein zeitgeschichtlicher Kontext nicht herstellt werden
kann."
Klare Worte fand allerdings ein Wiener Experte
im telefonischen Gespräch mit mir: Da sei zweifelsfrei "..ein
Verbrechen unter den Teppich gekehrt worden" !
Daran kann tatsächlich kein Zweifel bestehen, weshalb die rasche, umgehende und restlose
Aufklärung des Verbrechens verlangt werden muß.
Wolfgang Krisch, 30.7.2001
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Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist
die Beantwortung der einzelnen Fragen durch
Stadtrat Dr. Andreas MAILATH-POKORNY (Schreiben vom 11.9.2001) (rot
formatiert)direkt nachgestellt.
S 72/01
Der Bezirksrat Wolfgang Krisch stellt namens der Penzinger GRÜNEN zur Sitzung der Bezirksvertretung am 27.6.2001 folgende
ANFRAGE
gemäß § 23 der Geschäftsordnung der Bezirksvertretungen
Zu 1997 aufgefundenen Skeletten im Bereich Flachgasse 7 wird um Auskunft gebeten,
Begründung:
Der ehemalige Amtsführende Stadtrat für Kultur, Dr. Ernst Marboe, hat zu den Skelettfunden im November 1997 öffentlich restlose Aufklärung versprochen, die seit nun über drei Jahren gänzlich ausgeblieben ist. Nach Ansicht des Anfragestellers weisen allein schon jene Ermittlungsergebnisse, welche ursprünglich bekannt gemacht wurden, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Gewaltverbrechen zur Zeit der NS-Herrschaft hin, die zahlreiche Fragen aufwerfen.
Wolfgang Krisch
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