Lärm macht Kinder krank 
Fluglärm beeinträchtigt Funktionen des Körpers und hat psychische Nachwirkungen. Auch das Lernvermögen betroffener Kinder vermindert sich

Von Matthias Meili

Exakte Untersuchungen über den direkten Einfluss insbesondere des Fluglärms auf den menschlichen Organismus sind an einer Hand abzuzählen. Bemerkenswert: In allen Studien wurden die Reaktionen von Kindern untersucht, obwohl Erwachsene gegenüber Lärm empfindlicher sind. Die Resultate sind eindeutig: Krach stresst und vermindert die schulischen Fähigkeiten der betroffenen Kinder.
«Lärm wird als umwelt- und gesundheitsrelevante Grösse unterschätzt», schreibt das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) in seinem aktuellen Umweltbericht. Tatsächlich gibt es unzählige Studien über die schädlichen Wirkungen von Giften, Luftschadstoffen und selbst elektromagnetischen Wellen, doch dass Lärm die Gesundheit schädigen könnte, wurde bisher einfach überhört. Als «unerwünschten Schall» definiert Kurt Eggenschwiler von der Abteilung Akustik und Lärmbekämpfung der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) in Dübendorf Lärm. In der Tat wurde bisher die subjektive Komponente des Lärms bei den offiziellen Stellen sehr hoch gewichtet. Hinzu kommt die landläufige Meinung, dass man dem Lärm ja entfliehen könne.
Doch wohin? Mit den Fortschritten der technischen Gesellschaft breitet sich auch die Belärmung weiter Teile der Landschaft immer stärker aus. Die Feststellung, dass Lärm ein lokales Problem sei, wird immer absurder. Laut Buwal sind heute in der Schweiz knapp dreissig Prozent der Bevölkerung kritischen Lärmwerten des Strassenverkehrs ausgesetzt. Fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung fühlten sich von überlautem Eisenbahnverkehr gestört. In der Umgebung der Flughäfen Genf Cointrin und Zürich Kloten leben schätzungsweise rund 70000 Personen eindeutig in einem lärmmässig kritischen Bereich.

Als kritisch werden gemittelte Werte von 55 bis 65 dB (A) am Tag und 45 bis 55 dB (A) in der Nacht betrachtet. Zum Vergleich: Die Lautstärke eines normalen Gesprächs verläuft bei rund 45 dB (A), eine Bohrmaschine dröhnt mit 90 dB (A), und ein Überschallknall bringt es auf 120 dB (A). Fliegt eine MD-11 der Swissair über Opfikon, werden am Boden knapp 95 dB (A) gemessen, bei dem moderneren Airbus 320 sind es noch 85 dB (A). Das «A» hinter dem Mass zeigt an, dass die rein physikalische Messung mit dem Filter A ausgeführt wurde, der die Hörqualität des menschlichen Ohrs am besten wiedergibt. Zu beachten ist, dass das menschliche Ohr eine um zehn Dezibel höhere Messung als doppelt so laut empfindet.
Dass die Beeinträchtigung durch Lärm alles andere als ein individuelles, subjektives Empfinden ist, wird heute nicht mehr bestritten. So hat eine Befragung in Basel gezeigt, dass sich bei einem Lärmpegel von 50 dB (A) fünf Prozent der Bevölkerung gestört fühlten. Bei einem viermal so hohen Pegel von 70 dB (A) waren es über vierzig Prozent. Hinzu kommt, dass sich die Bevölkerung an den Lärm nicht gewöhnt. Gemäss einer Studie aus dem Jahre 1993 hat sich das Lärmempfinden der Schweiz in den vorangegangenen zwanzig Jahren nicht verändert.
Erste Untersuchungen der Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit sind erst in den neunziger Jahren unternommen worden. 1997 veröffentlichten Gary Evans und Lorraine Maxwell eine Arbeit, bei der die Lesefähigkeit von sieben- und achtjährigen Kindern in New York minuziös untersucht wurde. Evans verglich dabei Schulklassen, die in einer Flugschneise (Lärmbelastung durch tieffliegende Flugzeuge rund 90 dB [A] alle sieben Minuten) unterrichtet werden, mit Schülern aus ruhigeren Gebieten. Er legte je rund fünfzig Kindern einen Lese- und Hörtest vor. Die Tests wurden an einem ruhigen Platz vorgenommen. Die Schüler aus der Flugschneise erreichten durchweg schlechtere Leseergebnisse. Doch damit nicht genug, sie hatten auch mehr Schwierigkeiten, gesprochene Sprache zu verstehen.
In verschiedenen Studien war zuvor schon nachgewiesen worden, dass die Exposition mit Lärm zu einer Ausschüttung von Stresshormonen führte und ein erhöhtes Risiko von Bluthochdruck nach sich zog. Einzelne Arbeiten brachten auch eine erhöhte Rate von Herz-Kreislauf-Krankheiten mit Lärm in Verbindung. Diese Arbeiten fanden jedoch unter Laborbedingungen und mit gezielter Beschallung statt. Die Übertragung auf die Situation in der Realität schien nicht ohne weiteres möglich. Zudem krankten viele der bisherigen Untersuchungen an einer unklaren Handhabung: Oft wurden effektive Gehörschädigungen der Probanden nicht in Betracht gezogen und der Unterschied zwischen chronischem und akutem Lärm zu wenig gewichtet. Die Aussagen waren uneinheitlich, und die Schlüsse daraus verwirrten mehr, als sie Klarheit schafften.
1999 bot sich Gary Evans eine einmalige Gelegenheit für einen gross angelegten Feldversuch: Der Münchner Flughafen Riem wurde geschlossen und ins weniger besiedelte Erdinger Moos verlagert. Zusammen mit der deutschen Ärztin Monika Bullinger und dem Schweden Staffan Hygge verglich Evans über zwei Jahre hinweg die Reaktionen von Kindern in den nun beruhigten Gemeinden mit Schülern aus den neu belasteten Regionen. Dabei ausgeschlossen wurden Kinder, die bereits an Hörschäden litten. Zudem achteten die Forscher auch darauf, dass die getesteten Kinder in ähnlichen sozialen Milieus lebten. Die Untersuchungen wurden in einem ruhigen Raum durchgeführt, so dass sich die Kinder konzentrie-ren konnten. Damit sollte vermieden werden, dass die Reaktionen oder Resultate durch Störungen – zum Beispiel Lärmimpulse – verfälscht werden.
Die Wissenschaftler untersuchten 217 Grundschüler und Grundschülerinnen mit einem Durchschnittsalter von knapp zehn Jahren. Die Kinder wurden vor der Eröffnung des Flughafens im Erdinger Moos und sechs beziehungsweise achtzehn Monate nach dem Umzug getestet. Der Dauerschallpegel in den belasteten Gebieten betrug 62 bis 68 dB (A). In den ruhigen Gebieten waren die Werte um zehn Dezibel tiefer.

Die Ergebnisse der im renommierten amerikanischen Journal «Psychological Science» (Bd. 9, S. 75–77, 1998) veröffentlichten Arbeit sind ziemlich eindeutig: Bei den Schülern und Schülerinnen im neu dem Fluglärm ausgesetzten Erdinger Moos reagierte zuerst einmal der Körper. Ihr Blutdruck stieg leicht an, und die Konzentration der Stresshormone – gemessen wurden Adrenalin und Noradrenalin – erhöhte sich. Bei der Befragung achtzehn Monate nach der Eröffnung des Flughafens klagten zudem alle Kinder über die gesunkene Lebensqualität.
In den psychologischen Tests zeigten die lärmbelasteten Kinder durchweg schlechtere Leseleistungen. Ihr Langzeitgedächtnis, aber auch ihr Arbeitsgedächtnis war schweren Aufgaben weniger gewachsen. Diese Kinder waren auch schneller frustriert. Dafür zeigten sie eine grössere Fähigkeit, gesprochene Texte aus lauten Hintergrundgeräuschen herauszufiltern.
Die Studie zeigt vor allem, dass lärmbelastete Kinder, auch wenn sie nicht einen direkten Gehörschaden erleiden, mit gesundheitlichen Nachteilen rechnen müssen. Gary Evans und seine Forscherkollegen glauben, dass der nicht kontrollierbare, immer wieder auftretende Lärm die Funktionen des Körpers beeinträchtigt und nachhaltige psychische Auswirkungen nach sich zieht.

Quelle: Weltwoche
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