18.5.2010
Prostitution:
Das Wiener Maßnahmenpaket
Über
ein Jahr lang hat sich in Wien eine Arbeitsgruppe mit dem Thema (Straßen)-Prostitution
auseinander gesetzt. VertreterInnen von stark betroffenen Bezirken, JuristInnen
und ExpertInnen aus den Bereichen Gesundheit und Soziales haben gemeinsam
Vorschläge zur Verbesserung der aktuellen Situation erarbeitet. Grundsätzlich
gilt: Prostitution wird durch die Nachfrage bestimmt: Ohne Freier, keine
Prostituierten. "Das von mancher Seite geforderte generelle Verbot der
Straßenprostitution erachte ich daher als billigen Populismus. Erfahrungen
anderer Länder zeigen, dass Verbote nur zu einem Erstarken der illegalen
Prostitution führen."
Zur
Ausgangslage:
In
Wien wird die Prostitutionsausübung durch das Wiener Prostitutionsgesetz
geregelt. Grundsätzlich ist die (Straßen)Prostitution in ganz Wien erlaubt.
Dementsprechend kennt das Wiener Prostitutionsgesetz auch keine speziellen
Erlaubniszonen. Durch gesetzlich festgelegte Schutz- und Verbotszonen ist die
Prostitution jedoch in vielen Bereichen der Stadt verboten.
Vor
allem Teile des 2., 14. und 15. Bezirks sind durch Straßenprostitution großen
Belastungen ausgesetzt. Hauptkritikpunkte sind Lärm, Verschmutzung und die Belästigung
von AnrainerInnen durch Freier.
Maßnahmen zur Verbesserung der Situation sind idealerweise sowohl im
gesetzlichen, als auch im frauenpolitischen, gesundheitspolitischen und arbeitspolitischen
Bereich zu verankern und machen das Thema Prostitution zu einer komplexen
Materie mit unterschiedlichen Handlungsfeldern als auch Handlungspersonen.
1)
Hilfe für AnrainerInnen:
Beschwerdemanagement, Hotline und mehr Sauberkeit
Beschwerde-
und Konfliktmangement durch Projekt "Sophie mobil"
im
2., 14., und 15. Bezirk: Durch intensive Streetwork in belasteten Gegenden
sollen Konflikte vermindert werden; Zielgruppe sind AnrainerInnen, Prostituierte
und in weiterer Folge auch Freier.
"Sophie
mobil" richtet Hotline
ein und nimmt Beschwerden entgegen;
Montag bis Freitag 10–17 Uhr (0676/88 666 222 )
Im
Rahmen des Projekts "Sophie mobil" wird es außerdem Sprechstunden
in
den Bezirken
geben:
v
2. Bezirk:
Grätzelzentrum, Max-Winter-Platz 23, Donnerstag 17-18 Uhr
v
14. Bezirk: Amtshaus Hietzing/Penzing,
Hietzinger Kai 1-3/Stg. 2/ 1. Stock/Zi. 89 (Sitzungszimmer), Dienstag
8:30-9:30 Uhr
v
15. Bezirk: Gebietsbetreuung Stadterneuerung,
Sechshauser Straße 23, Mittwoch 9-10 Uhr
Saubere Straßen: Die MA 48 wird in belasteten Straßenzügen
durch Schwerpunktaktionen in der Nacht und in den frühen Morgenstunden für
Sauberkeit sorgen.
2)
Rudolfsheim-Fünfhaus: Neue Straßenzüge im
Feldversuch
Im
Rahmen eines Feldversuches werden zwei neue Straßenzüge im 15. Bezirk für die
Straßenprostitution bestimmt. Die Straßenzüge wurden von der
Bezirksvorstehung ausgewählt.
Linke
Wienzeile 278 (zwischen Anschützgasse und Jheringgasse)
Linzer
Straße gegenüber ONr. 3 (zwischen Johnstraße und Winckelmannstraße)
3)
Novellierung
des Wiener Prostitutionsgesetzes
Das
Wiener Prostitutionsgesetz regelt die Prostitutionsausübung in Wien, an einer
Novellierung wird gearbeitet.
Angedacht ist unter anderem
eine
Meldepflicht
für Prostitutionslokale,
um den Handlungsspielraum gegen illegale Bordelle zu erweitern.
Im
Zuge der Anmeldung sollen auch die potentiellen Betreiber stärker unter die
Lupe (Leumundsprüfung...)
genommen werden.
Geprüft
werden auch rechtliche
Maßnahmen gegen Freier,
die in Schutzzonen anbahnen.
Auch
eine Kondompflicht
für Freier bzw. ein Verbot von "unsafer sex"
könnte nach derzeitigem Diskussionsstand Eingang in das neue
Prostitutionsgesetz finden.
Zusätzlich gesetzliche Forderungen an den Bund zur sozialen Absicherung:
Die
Sittenwidrigkeit der Prostitution muss aufgehoben werden, damit Prostitution als
Gewerbe möglich wird. Dies würde zu einer erheblichen Verbesserung der
Arbeitssituation und zu mehr Rechtssicherheit von Prostituierten führen.
4)
Polizei:
Verstärkte Kontrollen von Schutz- und Verbotszonen
Schon
derzeit gibt es durch enge Zusammenarbeit von der Bundespolizeidirektion Wien
mit KIAB (Kontrolle der illegalen
Arbeitnehmerbeschäftigung), MA 36, MA 59 und MD-KS (Magistratsdirektion
Krisenmanagement und Sofortmaßnahmen) Schwerpunktaktionen
zur Überprüfung von Prostitutionslokalen und Straßenprostitution im 2., 14.
und 15. Bezirk. Die Auswahl der zu kontrollierenden Lokalitäten und Straßenzüge
erfolgt nach Rücksprache mit den Bezirksvorstehungen, Bezirksämtern und den
mitwirkenden Behörden.
Im
Zuge dieser Schwerpunktaktionen kommt es regelmäßig zu Anzeigen bzw. zu
Festnahmen auf Grund von Verstößen gegen das Prostitutionsgesetz, die
Gewerbeordnung oder das Fremdengesetz.
Diese bewährte Zusammenarbeit soll nun verstärkt werden (Planquadrate).
Verbots- und Schutzzonen sowie die Einhaltung zeitlicher und örtlicher
Begrenzungen wird die Polizei gezielt kontrollieren.
5)
3-Länder-Studie
als Basis für weitere Schritte
Eine
3-Länder-Studie (Niederlande, Österreich, Schweden) wird die Auswirkungen
unterschiedlicher politischer und rechtlicher Maßnahmen analysieren. Es geht
darum, die Intention einzelner Regelungen auf ihre tatsächlichen Auswirkungen
hin zu untersuchen. Die Projektlaufzeit ist mit Dezember 2009 bis Dezember 2012
festgesetzt. Eine Kofinanzierung (20.000 Euro) erfolgt durch die Frauenabteilung
der Stadt Wien (MA 57).
6)
Frauenhandel im Visier
Hilfe
für Opfer des Frauenhandels: Opfer von
Frauenhandel, die zur Prostitution gezwungen werden, leben oft sehr isoliert und
sind mit Hilfsangeboten nur schwer zu erreichen. Der Verein "Lefö"
bildet nun im Rahmen eines neuen Pilotprojektes ("Frauenhandel-Expertise für
Sexarbeiterinnen") Frauen aus der Szene, insbesondere migrantische
Prostituierte, zu "Multiplikatorinnen" aus. Sie finden leichter
Zugang zu Zwangsprostituierten und sollen ihnen dann gezielt helfen (Aufklärung
über Rechte, Möglichkeiten und Hilfsangebote). Laufzeit: Juni bis November
2010;
Die
Stadt Wien setzt außerdem auf die Sensibilisierung von Freiern. Mittels
Free-Cards und Radiospots soll bei den Freiern die Bewusstseinsbildung in Sachen
Frauenhandel vorangetrieben werden.
7)
Sozialarbeiterische Betreuung für
Prostituierte vor Ort
Wien
setzt sich mit einer Reihe von Einrichtungen und Projekten für bessere
Lebensbedingungen von Prostituierten ein. Wichtig sind leicht zugängliche
Anlaufstellen, wo Frauen neben Gesundheitsbetreuung, auch rechtliche und
psychosoziale Beratung bis hin zur Hilfe beim Ausstieg finden.
Eine
zentrale Rolle kommt hier dem seit Jahren bewährten STD-Ambulatorium der Stadt
Wien zu (STD= sexually transmitted diseases). Die STD-Ambulanz bietet Beratung,
Diagnostik und Behandlung bei sexuell übertragbaren Krankheiten an. Für die
Zielgruppe der Prostituierten ist das STD-Ambulatorium eine erste Anlaufstelle
mit umfassenden sozialarbeiterischen Beratungsangebot und aufsuchender
Sozialarbeit in Form von Streetwork.
Auch das
Projekt "SOPHIE – BildungsRaum für Prostituierte" der
Volkshilfe Wien betreibt Streetwork im unmittelbaren Arbeitsumfeld der
Prostituierten: In Nachtclubs, Studios, Bars und am Straßenstrich.