Auszug aus:
Johann Gross, Spiegelgrund, Leben in NS-Erziehungsanstalten, Ueberreuter 2000

Herr Johann Gross, mit dem Arzt nicht verwandtes, heute noch lebendes, Opfer der s. g. „Jugendwohlfahrt“ der NS –Zeit beschreibt seine erschütternden Erlebnisse mit Dr. Heinrich Gross in der Anstalt "Am Spiegelgrund". Johann Gross war nach einer von vielen Fluchten aus der Anstalt stets wieder aufgegriffen und zurück gebracht worden. Über die nachfolgenden Bestrafungen durch Dr. Heinrich Gross schreibt er u.a. 

 (aus Kapitel: „ Die Spritze“,  S 69 )
Ich musste mit ihr in die so genannte Teeküche gehen, wo unser Geschirr
aufbewahrt wurde. Dort warteten schon eine von den Ärztinnen (ich glaube, es war die Dr. Türk) und mein Namensvetter Dr. Gross. Die Schwester blieb bei mir, während der Doktor mit einer Art kleiner Feile eine gläserne Ampulle öffnete und den Inhalt in eine ziemlich kleine Spritze aufzog. Ich hatte mir fest vorgenommen, keine Angst zu zeigen, aber das Zittern konnte ich nun doch nicht ganz verhindern.

»Die Hand auf den Tisch«, sprach der Doktor, »oder willst du gehalten werden?« Mir war klar, dass ich mich nicht lange hätte wehren können, also legte ich die Hand auf den Tisch. Ein kleiner Nadelstich und schon drückte er mir die Flüssigkeit in den Unterarm. Mit einem feuchten Wattebausch fuhr mir die Ärztin noch über die Einstichstelle. »So, das war's auch schon«, sagte der Dr. Gross. »Abmarsch«, hörte ich noch sagen und schon brachte mich die Schwes­ter wieder zurück in meine Einzelzelle. Eigentlich spürte ich nichts, der kleine Nadelstich war doch gar nichts.
Doch plötzlich, nach etwa einer Viertelstunde, ging's los. Mir war, als hätte ich einen festen Hieb in den Magen bekommen, alles krampfte sich zusammen, so dass ich kaum atmen konnte. Als dann gleich drauf der Brechreiz einsetzte, war ich schon bei der Klomuschel und weg war mein Frühstück. Immer wieder musste ich würgen und spie hauptsächlich nur mehr Flüssigkeit. So kniete ich bei der Klomuschel, meinte, so viel könne ich doch gar nicht im Magen gehabt haben, wie ich schon herausgespien hatte. Auch die Krämpfe im Magen wollten nicht und nicht aufhören. »So also ist das Sterben«, dachte ich, denn jetzt war ich fest überzeugt, dass mir der Arzt mit seiner Spritze irgendein tödliches Gift injiziert hatte. Als die Magenschmerzen und der Brechreiz nicht nachließen, wäre mir sogar das Sterben schon egal gewesen."  

Kapitel:  Eis und Nadeln in den Schenkeln; Seite 80):

Als dann der Morgen wirklich da war, musste ich nicht mit den anderen in den Keller gehen, sondern blieb allein in meiner Zelle. Voller Angst wartete ich bis gegen 9 Uhr. Dann war die Zelle plötzlich voll von Leuten: zwei Schwestern, mein bekannter Namensvetter Dr. Gross und ein anderer Arzt, der mit »Primarius« angeredet wurde. Als ich sah, dass Ampullen vorbereitet wurden, schrie ich aus Leibeskräften, aber gleich waren die beiden Schwestern da, hielten mir den Mund zu und setzten mich auf das Bett. So gut ich konnte, versuchte ich mich zu wehren, aber auch der Primär half mit und Widerstand war unmöglich. Ich versuchte nur noch meine Hände zu verstecken, aber dann merkte ich, dass man es auf meine Oberschenkel abgese­hen hatte. Mit zwei Fingern nahm der eine Arzt die Spritze und warf sie wie eine kleine Lanze in mein Fleisch! Ich war im ersten Moment eher verblüfft, da ich wenig verspürte, und schon war der Inhalt in meinem Schenkel. Und dasselbe gleich noch einmal mit dem anderen Bein. »Merk dir eines«, sagte der Doktor noch, »wir werden immer stärker sein als du Rotzlöffel. Wir sind schon mit ganz anderen fertig geworden und am Ende gewinnen immer wir. 

Herr Primarius i.R. Dr. Heinrich GROSS  ist bis heute Träger des " Österreichischen Ehrenkreuzes  für Wissenschaft und Kunst ". Nachdem BM Elisabeth GEHRER ursprünglich keine Möglichkeit erkennen wollte, diese Orden abzuerkennen und erst eine Gesetzesinitiative der GRÜNEN dazu ausdrücklich die Voraussetzung geschaffen hat, ist nun Herrn " Primarius i. R." seit November 2001 die Gelegenheit geboten, zu der beabsichtigten Aberkennung Stellung zu nehmen. 

Wolfgang KRISCH, 24.4.2002
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