Die Kinder vom Spiegelgrund
Ein Rückblick auf Bemühungen von zehn Jahren (!) vor der Beerdigung der letzten NS-Opfer am 28.4.2002 in Wien!

Am 28.4. werden in einer feierlichen Zeremonie auf dem Wiener Zentralfriedhof die letzten sterblichen Überreste von Opfern des NS-Regimes in Wien - ermordete Kinder aus der NS-Anstalt „ Am Spiegelgrund“ in Penzing -  in einem Ehrengrab der Stadt endlich beigesetzt werden.  

Mit dieser Beerdigung, an der neben Bundespräsident Dr. Thomas KLESTIL und Bürgermeister Dr. Michael HÄUPL zahlreiche weitere PolitikerInnen teilnehmen und über die JournalistInnen aus der ganzen Welt berichten werden, wird eines der dunkelsten Kapitel der österreichischen Vergangenheit ein Ende finden, dessen Geschichte allerdings nicht vergessen werden soll.

So unfaßbar die Morde an hunderten Kindern in der NS-Anstalt „ Am Spiegelgrund“  selbst sind, die für einen hauptbeteiligten Arzt der Anstalt, Dr. Heinrich GROSS, bis heute ohne Konsequenzen geblieben sind, so unfaßbar ist es auch, wie und mit welchen Argumenten über Jahrzehnte diesen NS-Opfern eine Beerdigung verwehrt wurde.

Als ich im Jahr 1992 - vor nunmehr zehn Jahren - mit meinem ersten Antrag in der Penzinger Bezirksvertretung eine Beerdigung der sterblichen Überreste und die Einrichtung eines Gedenkraumes verlangte, lehnten nicht nur die FPÖ diesen Wunsch entschieden ab! Auch SPÖ und ÖVP verhinderten mit ihrer Ablehnung die Beerdigung - und haben heute dennoch nicht die geringste Scham, die nun bevorstehende Bestattung als ihre Initiative darzustellen.

Tatsächlich aber erklärte die Stadt Wien und der damals zuständige Stadtrat Dr. Sepp RIEDER, SPÖ, ihre Ablehnung einer Beerdigung mit der Darstellung, diese sei ein einmaliger Akt (!) und die Aufbewahrung der Leichenteile eigne sich eher, um die Verbrechen jener Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.  Mittlerweile erklärte Stadtrat Dr. Sepp RIEDER er sei "betroffen", wie "lange es gedauert hat ", bis diese Beerdigung nun stattfinden kann und man werde sich " auch weiterhin" (!) der "Verantwortung in dieser Frage bewußt sein". ( Für die Penzinger ÖVP, die sich dieser Tage ihres Engagements für einer Beerdigung rühmt, sitzen heute noch mehrere Mandatare in der Bezirksvertretung, die 1992 eben diese Beerdigung abgelehnt hatten !)

Der Anstaltsleiter des Psychiatrischen Krankenhauses und Verwalter der Präparate, Professor Dr. Heinz-Eberhard GABRIEL -  mittlerweile von der Stadt Wien für seine Bemühungen um die Beisetzung der Leichenteile mit einem Orden ausgezeichnet - argumentierte seine Ablehnung einer Beerdigung mir gegenüber mit der Darstellung, menschliche Präparate habe es in der Geschichte der Medizin immer gegeben.
Und selbst der Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, Univ. Prof. Dr. Wolfgang NEUGEBAUER, fand keine klaren Worte gegen die Aufbewahrung der Sammlung.

In der darauf einsetzenden, völlig grotesken, Diskussion über den würdevollen Umgang mit Leichteilen von Nazi-Mordopfern (!!) überzeugte ich Dr. Marianne ENIGL vom Nachrichtenmagazin profil von der Notwendigkeit, den „Gedenkraum“ mit der Gehirnsammlung aufzusuchen und darüber zu berichten.

In einem Kellerraum des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien, der zudem als Lagerraum für alte Sessel und Gaskartuschen verwendet wurde, fanden wir auf einfachen Holzregalen in drei Reihen hunderte diese s.g. „Schädelpräparate“ von Kindern, - meist komplette Gehirne in dicke Scheiben geschnitten, Teile von Gehirnanhangs- und Rückenmarksgewebe, dazu zwei vollständige Kinderköpfe, allesamt in zylindrischen Glasbehältern in einer Konservierungsflüssigkeit aufbewahrt. Die Glastöpfe waren mit losen Glasplatten bedeckt, da Konservierungsflüssigkeit regelmäßig nachgegossen werden mußte, und zudem mit Originaletiketten versehen, auf denen die Namen der Opfer und eine „Diagnose“ (meist „Idiotie“) verzeichnet waren.  
In dem Raum fanden sich zudem in einem Aktenschrank zahlreiche der Krankenakten der Ermordeten, gänzlich ungesichert und wissenschaftlich bis dahin noch niemals erfaßt.
Für ihre Berichterstattung über diese Sammlung recherchierte Dr. Marianne ENIGL schließlich auch in Israel zur Frage, ob man NS- Opfer in dieser Form unbeerdigt lassen könne. Dort wurde das selbstverständlich verneint und  - so wie ich das seit jeher sah - als „weiteres Verbrechen an den Opfern“ bezeichnet.

Erst dies führte zu einem blitzartigen Umdenken in der Wiener Landesregierung: Man versprach nun die Beisetzung in einem Ehrengrab, begann erstmals (!) mittels Zeitungsinseraten nach lebenden Verwandten der Ermordeten zu suchen, die bis dahin niemals (!) vom Verbleib ihrer Angehörigen erfahren hatten und veranstaltete ein internationales Symposion zur Geschichte der Anstalt am Spiegelgrund. 
Zahlreiche Medienberichte im In- und Ausland waren die Folge. Die ARD strahlte einen vielbeachteten Report aus, das renommierte englische „Sunday - Times - Magazin“ widmete eine siebenseitige Titelgeschichte dem „monster of pavilion 15“, und die US-Fernsehstation ABC ging über den Spiegelgrund unter dem Titel „The secrets of Vienna“ auf Sendung.  
Aufgrund von Recherchen in ehemaligen DDR-Stasi-Archiven, von denen profil berichtete, wurde nun auch gegen Dr. Heinrich GROSS gerichtliche Anzeige erstattet. Ein Dokument belegt gegen Kriegsende eine „Sonderprämie“ für Dr. Gross – weil er, während eines krankheitsbedingten Wehrmachtsurlaubes (!), noch 1944 als Urlaubsvertretung einer Stationsärztin Am Spiegelgrund zur „wesentlichen Entlastung“ des Anstaltsleiters „ einen guten Teil der Reichsausschußarbeit“ geleistet haben soll. 
Gerichtliche Vorerhebungen seit März 1997 gegen Dr. Heirnich Gross führten zuletzt zu einer Anklage und der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens, in dessen Verlauf die Verhandlungsunfähigkeit des Dr.Heinrich Gross festgestellt wurde. Das Verfahren wird zu keinem Ende geführt werden. Es bleibt nun lediglich zu hoffen, daß Dr. Gross endlich die Orden der Republik aberkannt werden, die ihm für seine Tätigkeit als Mediziner in der 2. Republik verliehen wurden. Die ressortzuständige BM Dr. Elisabeth GEHRER hat auf Initiative GRÜNER Parlamentarier mittlerweile zwar ein Aberkennungsverfahren eingeleitet,  räumt jedoch „Herrn Primarius i.R.“ seit Monaten (!) „ im Hinblick auf ein ordnungsgemäßes rechtsstaatliches Verwaltungsverfahren. ... ausreichend Gelegenheit und Zeit“ ein, „zur beabsichtigten Aberkennung dieser Auszeichnung Stellung zu nehmen." Vielleicht sollte Frau Bundesminister zur Beschleunigung ihrer Entscheidung in zwei Büchern lesen, die von zwei Opfern der Anstalt am Spiegelgrund geschrieben wurden
Alois KAUFMANN, Totenwagen, Kindheit am Spiegelgrund, UHUDLA Edition 1999; Johann GROSS: Spiegelgrund, Leben in NS-Erziehungsanstalten; Mit einem Vorwort von Christine Nöstlinger, Verlag Ueberreuter 2000. (Eine erschütternde Textstelle daraus finden Sie hier) .
Zuletzt wurden in zahlreichen weiteren medizinischen Institutionen Leichenteile von NS-Opfern gefunden und bestattet. 

All dies hat mittlerweile endlich doch noch zu einem wünschenswerten Wissensstand in der Bevölkerung über die Verbrechen des NS-Staates an unschuldigen Kindern beigetragen. Daß dazu allerdings Arbeit von zehn Jahren gegen den Widerstand der Regierenden nötig war, den diese heute gern vergessen machen würden, sollte ebenfalls in Erinnerung bleiben.

Wolfgang Krisch, 22.4.2002
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