Am
28.4. werden in einer feierlichen Zeremonie auf dem Wiener Zentralfriedhof die
letzten sterblichen Überreste von Opfern des NS-Regimes in Wien - ermordete
Kinder aus der NS-Anstalt „ Am Spiegelgrund“ in Penzing -
in einem Ehrengrab der Stadt endlich beigesetzt werden.
Mit
dieser Beerdigung, an der neben Bundespräsident Dr. Thomas KLESTIL und Bürgermeister
Dr. Michael HÄUPL zahlreiche weitere PolitikerInnen teilnehmen und über die
JournalistInnen aus der ganzen Welt berichten werden, wird eines der dunkelsten
Kapitel der österreichischen Vergangenheit ein Ende finden, dessen Geschichte
allerdings nicht vergessen werden soll.
So unfaßbar die Morde an hunderten Kindern in der NS-Anstalt „ Am
Spiegelgrund“
selbst sind, die für einen hauptbeteiligten Arzt der Anstalt, Dr.
Heinrich GROSS, bis heute ohne Konsequenzen geblieben sind, so unfaßbar ist es
auch, wie und mit welchen Argumenten über Jahrzehnte diesen NS-Opfern eine
Beerdigung verwehrt wurde.
Als ich im Jahr 1992 - vor nunmehr zehn Jahren - mit meinem ersten Antrag in der Penzinger Bezirksvertretung
eine Beerdigung der sterblichen Überreste und die Einrichtung eines
Gedenkraumes verlangte, lehnten nicht nur die FPÖ diesen Wunsch
entschieden ab! Auch SPÖ und ÖVP verhinderten mit ihrer Ablehnung die
Beerdigung - und haben heute dennoch nicht die geringste Scham, die nun
bevorstehende Bestattung als
ihre Initiative darzustellen.
Tatsächlich aber erklärte die Stadt Wien und der damals zuständige Stadtrat
Dr. Sepp RIEDER, SPÖ, ihre Ablehnung einer Beerdigung mit der Darstellung,
diese sei ein einmaliger Akt (!) und die Aufbewahrung der Leichenteile eigne
sich eher, um die Verbrechen jener Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu
lassen.
Der Anstaltsleiter des Psychiatrischen Krankenhauses und Verwalter der Präparate,
Professor Dr. Heinz-Eberhard GABRIEL -
mittlerweile von der Stadt Wien für seine Bemühungen um die Beisetzung
der Leichenteile mit einem Orden ausgezeichnet - argumentierte seine Ablehnung
einer Beerdigung mir gegenüber mit der Darstellung, menschliche Präparate habe
es in der Geschichte der Medizin immer gegeben.
Und selbst der Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen
Widerstandes, Univ. Prof. Dr. Wolfgang NEUGEBAUER, fand keine klaren Worte gegen
die Aufbewahrung der Sammlung.
In der darauf einsetzenden, völlig grotesken, Diskussion über den würdevollen
Umgang mit Leichteilen von Nazi-Mordopfern (!!) überzeugte ich Dr. Marianne
ENIGL vom Nachrichtenmagazin profil von der Notwendigkeit, den „Gedenkraum“
mit der Gehirnsammlung aufzusuchen und darüber zu berichten.
In einem Kellerraum des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien, der zudem
als Lagerraum für alte Sessel und Gaskartuschen verwendet wurde, fanden wir auf
einfachen Holzregalen in drei Reihen hunderte diese s.g. „Schädelpräparate“
von Kindern, - meist komplette Gehirne in dicke Scheiben geschnitten,
Teile von Gehirnanhangs- und Rückenmarksgewebe, dazu zwei vollständige
Kinderköpfe, allesamt in zylindrischen Glasbehältern in einer Konservierungsflüssigkeit
aufbewahrt. Die Glastöpfe waren mit losen Glasplatten bedeckt, da
Konservierungsflüssigkeit regelmäßig nachgegossen werden mußte, und zudem
mit Originaletiketten versehen, auf denen die Namen der Opfer und eine
„Diagnose“ (meist „Idiotie“) verzeichnet waren.
In
dem Raum fanden sich zudem in einem Aktenschrank zahlreiche der Krankenakten der
Ermordeten, gänzlich ungesichert und wissenschaftlich bis dahin noch niemals
erfaßt.
Für ihre Berichterstattung über diese Sammlung recherchierte Dr. Marianne
ENIGL schließlich auch in Israel zur Frage, ob man NS- Opfer in dieser Form
unbeerdigt lassen könne. Dort wurde das selbstverständlich verneint und
- so wie ich das seit jeher sah - als „weiteres Verbrechen an den
Opfern“ bezeichnet.
Erst dies führte zu einem blitzartigen Umdenken in der Wiener Landesregierung:
Man versprach nun die Beisetzung in einem Ehrengrab, begann erstmals (!) mittels
Zeitungsinseraten nach lebenden Verwandten der Ermordeten zu suchen, die bis
dahin niemals (!) vom Verbleib ihrer Angehörigen erfahren hatten und
veranstaltete ein internationales Symposion zur Geschichte der Anstalt am
Spiegelgrund.
Zahlreiche Medienberichte im In- und Ausland waren die Folge. Die ARD strahlte
einen vielbeachteten Report aus, das renommierte englische „Sunday - Times -
Magazin“
widmete eine siebenseitige Titelgeschichte dem „monster of pavilion 15“, und
die US-Fernsehstation ABC ging über den Spiegelgrund unter dem Titel „The
secrets of Vienna“ auf Sendung.
Aufgrund
von Recherchen in ehemaligen DDR-Stasi-Archiven, von denen profil berichtete,
wurde nun auch gegen Dr. Heinrich GROSS gerichtliche Anzeige erstattet. Ein
Dokument belegt gegen Kriegsende eine „Sonderprämie“ für Dr. Gross – weil
er, während eines krankheitsbedingten Wehrmachtsurlaubes (!), noch 1944 als
Urlaubsvertretung einer Stationsärztin Am Spiegelgrund zur „wesentlichen
Entlastung“ des Anstaltsleiters „ einen guten Teil der Reichsausschußarbeit“
geleistet haben soll.
Gerichtliche Vorerhebungen seit März 1997 gegen Dr. Heirnich Gross führten
zuletzt zu einer Anklage und der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens, in dessen
Verlauf die Verhandlungsunfähigkeit des Dr.Heinrich Gross festgestellt wurde.
Das Verfahren wird zu keinem Ende geführt werden. Es bleibt nun lediglich zu
hoffen, daß Dr. Gross endlich die Orden der Republik aberkannt werden, die ihm
für seine Tätigkeit als Mediziner in der 2. Republik verliehen wurden. Die
ressortzuständige BM Dr. Elisabeth GEHRER hat auf Initiative GRÜNER
Parlamentarier mittlerweile zwar ein Aberkennungsverfahren eingeleitet,
räumt jedoch „Herrn Primarius i.R.“ seit Monaten (!) „ im
Hinblick auf ein ordnungsgemäßes rechtsstaatliches Verwaltungsverfahren. ...
ausreichend Gelegenheit und Zeit“ ein, „zur
beabsichtigten Aberkennung dieser Auszeichnung Stellung zu nehmen."
Vielleicht sollte Frau Bundesminister zur Beschleunigung ihrer Entscheidung in
zwei Büchern lesen, die von zwei Opfern der Anstalt am Spiegelgrund geschrieben
wurden
Alois KAUFMANN, Totenwagen, Kindheit am Spiegelgrund, UHUDLA Edition 1999;
Johann GROSS: Spiegelgrund, Leben in NS-Erziehungsanstalten; Mit einem Vorwort
von Christine Nöstlinger, Verlag Ueberreuter 2000. (Eine
erschütternde Textstelle daraus finden Sie hier)
Zuletzt wurden in zahlreichen weiteren medizinischen Institutionen Leichenteile
von NS-Opfern gefunden und bestattet.
All
dies hat mittlerweile endlich doch noch zu einem wünschenswerten Wissensstand
in der Bevölkerung über die Verbrechen des NS-Staates an unschuldigen Kindern
beigetragen. Daß dazu allerdings Arbeit von zehn Jahren gegen den Widerstand
der Regierenden nötig war, den diese heute gern vergessen machen würden,
sollte ebenfalls in Erinnerung bleiben.
Wolfgang
Krisch, 22.4.2002
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