Stadtschulrat-„Vernissage“
im September: Ich werde mit geküsst haben!
Schön, dass es noch Prioritäten
gibt im wahlkämpferischen Wiener Schulwesen!
Wiens
versammelte SchülerInnen an den Mittelstufen der Pflichtschulen, den AHS und
BMHS dürften der großen Pause am 2.Juni
2010 mit Schmetterlingen im Bauch entgegen fiebern, und im Wiener
Stadtschulrat dürfte es nicht anders sein!
Dann
werden nämlich – an den Meldeschlusstermin wurden DirektorInnen zuletzt
laufend erinnert - in allen angemeldeten Schulen idealer Weise „
z.B. in der großen Pause“ die
Schulwarte mit „vom
Stadtschulrat vorbereiteten Plakaten“ erscheinen,
auf denen „
KISS
AUSGRENZUNG
GOODBYE“ steht.
Dazu werden sie „vom
Stadtschulrat zur Verfügung gestellten Lippenstiften/Lipgloss“
mitbringen, wonach „ die
SchülerInnen eingeladen" werden,
"mittels aufgetragenem Lippenstift/Lipgloss vorbereitete Plakate zu küssen,
damit sie als "Ziel:
Ein Zeichen gegen Ausgrenzung und für ein Miteinander in Schule und
Gesellschaft setzen."
Fernere Anmerkung in der diesbezüglichen SSR-"Checkliste"
zum „Ablauf“:
„Freiwillig kann die Aktion durch eine vor- oder
nachbereitende pädagogische Beschäftigung mit dem Thema im Unterricht ergänzt
werden“ bzw. zur „Logistik“:
„Abholung und Rückgabe der Plakate und Lippenstifte durch Schulwarte.
Materialien der „geküssten“ (und vorsichtig zusammengerollten) Plakate
sofort nach Aktionsende bis spätestens 19.Juni an den Stadtschulrat. Krönender
„Abschluss“:
„Ausstellung aller Plakate im Stadtschulrat, Vernissage im September.“
Aber hallo! Wenn das jetzt nichts ist, was dann? Ich persönlich war zwar
ursprünglich eher abgeneigt, an der Aktion mitzumachen! Einerseits, weil ich
mich persönlich zu jenen LehrerInnen zähle, die sich alltäglich wirklich auf
Kinder und Jugendliche einlassen beim Unterrichten und Erziehen, und daher
erstaunlicher Weise auch zum Thema „Ausgrenzung“
trotz übelster Voraussetzungen hier zu Lande auch ohne Lippenstifte für
Kussaktionen bisher durchaus gut zu Rande kamen. Zum Anderen aber natürlich
auch deshalb, weil ich meine SchülerInnen für „Vernissagen“
in Wahlkampfzeiten auch dann nicht politisch instrumentalisieren lasse, wenn
Politik (und zwar keineswegs allein jene der FPÖ ) tatsächlich auf üble „Ausgrenzung“
angelegt ist und leider dennoch zu Erfolg führt. Ich sehe zwar seit jeher und
bei jedem Wiener Wahlkampf, dass alle Verwaltungsdienststellen der Stadt Wien
(wenig schlau angelegt) mitwahlkämpfen dürfen, - meine SchülerInnen und ich
halte ich aber bisher nach wie vor dispensiert davon, selbst wenn wir aus dem
SSR dazu präzise eingeladen werden! Widerlicher Ausgrenzungs-Politik nämlich
seriös vorzubeugen, ist unseren großen PolitikerInnen durch seriöse Politik
gewiss ohne jedwede plakatgeküssthabende SchülerInnen zur Staffage vermutlich
gerade doch noch durchaus zumutbar!
Andererseits aber ergaben sich bei meinem pädagogisch vorbereitenden Grübeln
über die Lippenstift/Lippgloss-Idee plötzlich durchaus positive Ansatzpunkte:
Vielleicht – auf der Ausschreibung steht ja leider nichts Genaueres – sollen
durchaus angebrachter Weise andere „Ausgrenzungen“
im schulischen Zusammenhang hinweg geküsst werden? Vielleicht will Wiens
Stadtschulrat die „Ausgrenzung“
von VolksschülerInnen aus AHS hinweg küssen lassen, die man ihnen nach der
4.Klasse zumutet, wenn sie nicht lauter Einser im Zeugnis haben!? In eine
1.Klasse einer AHS kommt man in unseren Tagen nur mit durchwegs puren Einsern im
Abschlusszeugnis der Volksschule – eine dümmere Ausgrenzung ist ja wirklich
kaum denkbar!
Oder sollen die Küsse noch subtileren „Ausgrenzungen
goodbye“ sagen? Etwa den ausgegrenzten Restschulen, die seit
Jahr und Tag zwar „Hauptschule“ bleiben, aber stets neu kreiierte Namen
bekommen? Oder den ausgrenzenden Schulressourcen, den dauernden Sparbudgets,
welche Kinder- und Jugendliche immer mehr von Zukunftschancen ausgrenzen, oder
den ausgegrenzten
Standards an demokratischen Grundmustern in unseren parteipolitisch-hierarchisch
verrückt organisierten Schulen? Vielleicht sollen aber die dicken Bussis auf
den vorbereiteten Plakaten den hirnrissigen „Leistungsstandards“ tschüssikowski
bedeuten, oder den PISA-Hirngespinsten und den sonstigen laufenden Schnapsideen
in Schul- und Bildungsfragen – allen voran natürlich dem tief fundiertem
Reformunwillen bei immer aufwändigerem Verpackungsschwindel zum Täuschen und
Tarnen desselben hier zu Lande?
So überlegend vermag ich mich für diese reizende Girlie-Politik aus dem Wiener
Stadtschulrat peu a peu schon ein Bisschen zu erwärmen und ihr Gedankentiefe
abzuringen, - zumal sicher auch gendergemäß kein alter Lehrer ausgegrenzt sein
dürfte, der natürlich ganz allein und ohne jede Klasse zur Zeichensetzung
seinen Kussmund spitzen würde! Lippenstiftmäßig präferiere ich allerdings
durchaus nicht weniger als doch schon die Marke Dior aus der Collection „Addict
High Shine“ und werde daher meinen Schulwart ersuchen, dass er für mich
farbnuancepassend zu meiner Bildungskrawatte einen „Nude Silhouette“
darbringt!
Dass
er mir das noble Teil danach abnehmen und wieder in den SSR bringen muss – vermutlich braucht das ein
weiterer Mensch für eine weitere SSR-Kuss-Aktion irgendwo – werde ich dennoch
verschmerzen. Denn bei der „Vernissage“ im September wird man im ganzen
Stadtschulrat meinen sinnlichsten Lippenabdruck im Zentrum eines Plakates schon
von weitem allen JournalistInnnen so präsentieren können, dass selbst Sir Mick
Jagger vor Neid erblassen würde, könnte er sehen, was seinem alternden Lippenpaar im Wiener
Wahlkampf voraus ist. Und das sollte mir nicht zuletzt endlich auch höchste
Anerkennung meiner beruflichen Tätigkeit bei Scharen von Eltern, SchülerInnnen,
KollegInnen und dem versammelten Stadtschulrat glückhaft garantieren, ist sich
gewiss
Wolfgang
Krisch, 28.4.2010
P.S.
Dass die Schulen in Wien seit längerem andere Sorgen haben, als zu Lippenstift
und Plakat-Küsschen-Aktionen zu strömen, halte ich übrigens für ausgeschlossen. Für
Kinder, Eltern und LehrerInnen sind zwar ein paar Wochen vor Schulschluss noch
immer nicht die banalsten Planungsgrundlagen für das kommende Schuljahr bekannt
geworden! Aber gegen trübe Aussichten auf fehlende Raum-, Personal- und
Finanzressourcen an allen immer chaotischeren Orten können ja Küsschen wie und
wo auch immer wirklich rein gar nix schaden!
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