Schuljahr 2009/10: Ein weiteres Annus horribilis
… der Schul- und Bildungspolitik steht fraglos bevor! Nichts als Verschärfungen, Verschlechterungen, Verpackungsschwindel!

 

Geht’s gut? Oder haben Sie ein Kind ein der Schule? Der alte Kalauer ist keineswegs ein solcher und außerdem inhaltlich zu erweitern! An unserer ewigen Misere in der Schul- und Bildungspolitik – vom Kindergarten bis zur Universität  - leiden nicht nur die Betroffenen in den Institutionen selbst, sondern auch die Angehörigen und langfristig alle in Staat und Gesellschaft an den vielfältigen massiven Auswirkungen!

Eine Trendwende in der Schul- und Bildungspolitik zeichnet sich nämlich zu Beginn des heurigen Schuljahres keineswegs ab, - ganz im Gegenteil: Es steht eine deutliche Verschärfung bevor, - ohne Zweifel ein weiteres Annus horribilis! Trotz ständig gegenteiliger Beteuerungen der politischen VerantwortungsträgerInnen weisen nämlich sämtliche faktischen Vorzeichen auf weiteres Desinteresse, weiteren Reformunwillen, weitere Einsparungen und weitere Verschlechterungen, - gesteuert auch im Schulwesen von den üblichen Spielregeln des  längst gescheiterten Neo- und Turboliberalismus!

Und dem breiten Unwillen in der Bevölkerung gegen die derartigen Zustände versucht man weiterhin ambitioniert mit ständig neuen Finessen von politischem Tarnen, Tricksen & Täuschen zu begegnen.  


Das fängt mittlerweile schon einmal damit an, dass Eltern vielfach nicht mehr durchschauen (können), in welcher Schulart sich ihr Kind überhaupt aufhält, - und da rede ich keineswegs von den üblichen Verpackungsschwindeln diverser, oft inhaltsleerer autonomer Schulschwerpunkte!


Nach der Einführung der so genannten Kooperativen Mittelschule“ vor gerade einmal sechs Jahren in Wien soll seit dem Vorjahr die „Neue Mittelschule Reformen vorgaukeln, die es keineswegs gibt! Eine Gesamtschule lehnt die ÖVP nämlich ab, die Kinder ab dem Alter von 10 Jahren in gute und schlechte Töpfchen sortiert wissen will! Und damit das so bleibt, gibt es alle paar Jahre neue Türschilder über den Hauptschulen und allen möglichen Schmonzes, um das zu verbergen, - primär die Schimäre einer „ Zusammenarbeit mit AHS-Standorten “. 


Und das alles bei vorgeblichem Bestehen der s.g .“Schulpartnerschaft“, - also der gesetzlich verbindlichen demokratischen Zusammenarbeit von Eltern - LehrerInnen- und SchülervertreterInnen! Tatsächlich ist die s.g. „Schuldemokratie“ von ohnehin ursprünglich geringstem Niveau ausgehend, längst zu einer sarkastischen Parodie oder Persiflage verkommen! Wenn selbst ein Großteil der LehrerInnen das zum Teil abstruse Gebäude des unüberschaubaren und instringenten Schulrechts kaum mehr überblickt, lässt sich leicht abschätzen, wozu Eltern- und SchülervertreterInnen für scheindemokratische Vorgänge missbraucht werden.


Diese Zustände werden von den Schulverwaltungen – primär kann ich jene Wiens gut überblicken – weiters dazu genützt, um strikten Dirigismus, Zentralismus und Gängelung von LehrerInnen als Reformschritte und Qualitätssicherung darzustellen!
Dies, um einerseits das Reformunvermögen zu verbergen, tatsächlich aber dienst- und arbeitsrechtliche Verschlechterungen andererseits zu verfolgen,  nachdem solche beim Gehalts- und Pensionsrecht  schon gelungen sind, dennoch aber noch weiter angestrengt werden! 
Um nur ein Beispiel aus dem Schulalltag anzuführen:  Strikt zu Arbeitsgemeinschaften für das Kooperative-Mittelschul- Unwesen verpflichtete LehrerInnen sind in Wien gerne mit s.g. „Best-Praxis-Modellen“ des Unterrichts konfrontiert,  unter den auch schon einmal das  stimmige Morgengebet im beispielhaften Reformschulalltag wieder in Erinnerung gebracht wird!


Den völlig aberwitzigen Dirigismus und Zentralismus von gängigen Qualitätssicherungs- & Leistungsstandards-Fantasien, die in der angegangenen Form zahlreiche Grundsätzen richtigen Unterrichts ad absurdum führen, verdanken hiesige SchülerInnen allerdings nicht österreichischen, sondern Internationalen Wirtschaftsinitiativen, - die überdies schon in den ersten Versuchen ohnehin fulminant gescheitert sind. (Aus Berlin sind Ergebnisse bekannt, denen zu Folge etwa 5 % der SchülerInnen den „Qualitätsstandards“ genügen konnten!) 

Dennoch wird zwar Individualisierung und Differenzierung im Unterricht von LehrerInnen verlangt – als kognitiver Output bei den SchülerInnen geht es allerdings hinkünftig nur mehr um Erfüllung von Normen („ Standards “), die von der Wirtschaft vorgeben und mit tatsächlicher Bildung vielfach nichts zu tun haben! Und Kontrolle der LehrerInnenarbeit geht mittlerweile so weit, dass zuletzt auf Formularen des Wiener SSR von LehrerInnen schriftliche „ Reflexionen“ (!) ihrer Arbeit zu auszuweisender Leseförderung verlangt wurden!  LehrerInnen mussten also dem Dienstgeber schriftlich erläutern, was sie sich zu ihrem Unterricht gedacht (!) hatten, - blieb ein diesbezüglich übernatürliches Kasterl in einem Formular unausgefüllt, kam das Formular wieder zurück!   

Tatsächliches Engagement zeigt hiesige Politik lediglich bei weiteren Auslagerungen und Einsparungen von Kosten. Ausgelagerte Kosten übernehmen bekanntlich Eltern gern, - was der Schulerhalter (ohnehin aus Steuergeld nicht zahlt), zahlen Eltern laufend und werden dabei noch hoch geneppt. Nur zwei Beispiele dazu: Seit LehrerInnen zunehmend nicht mehr, (wie seit jeher vorausgesetzt), persönliche Eigenmittel für den schulischen Bürobedarf verwenden (PC, Drucker, Papier) explodieren die Kosten, - „ Papiergeld “ u. Dgl. steuern dann z.B. die Eltern üppig bei. 

Oder: Die Kostenrahmen für Schulbücher werden nicht valorisiert! Auch Schulbücher werden laufend teurer, - die erlaubten Gesamtkosten für Schulbuchbestellungen sind seit mindestens einem Jahrzehnt gleich geblieben. Was somit nicht bestellt werden kann, verursacht entweder weiter private Kosten oder ein geringeres Angebot an Schulbüchern bei prozentuell steigenden „Selbstbehalten“ für diese. Und das, obwohl den SchülerInnnen an vielen Schulstandorten für ein „ Schülerladesystem “ hinterher die Schulbücher zum Teil sogar wieder abverlangt werden.

Einsparungen und Mangelwirtschaft des Schulerhalters sind gängige Praxis vor allem dort, wo besondere Bedürfnisse bestünden: An SchulpsychologInnen wird gespart, das Angebot wurde seit Jahren trotz steigender Bedürfnisse ausgedünnt und deckt nirgendwo den tatsächlichen Bedarf auch nur annähernd.  
SozialarbeiterInnen haben sich mittlerweile – weit abseits der schulischen Problematik – zu Plattformen gegen Personal- und Strukturmängel zusammen geschlossen, - diesbezüglich ist derzeit der dort gewählte Ausdruck „Notstand“ tatsächlich hoch angebracht. (Das führt beispielsweise im Schulalltag dazu, dass selbst Kinder, die nicht nur der Schule tagsüber, sondern auch elterlichen Wohnungen des Nachts fernbleiben, aus der Aufsicht der Jugendwohlfahrt entlassen werden, wenn sie schlicht „ nicht kooperieren“ (sic!), - zuständig sind danach nicht selten nur mehr Polizei, Amtsarzt und/oder geschlossene medizinische Abteilungen an Spitälern.)

Sonstige ganz normale Einsparungen im Schulalltag sollen hier an Hand nur weniger Beispiele aus Wien hochaktuell auf Grundlage des Stellenplanes 2009/10 belegt sein. Demnach ist den SchulleiterInnen für das heurige Schuljahr durch den Wiener SSR schriftlich zur strikten Beachtung beispielsweise zur Kenntnis gebracht,  dass der Schülerschnitt in der Volksschule auf allen Schulstufen zu niedrig ist“. Er betrage nämlich auf „Schulstufen mit Höchstzahl 22,7 statt 23,5!“  (Wiens DirektorInnen sollen also mit durchschnittlich 0,8 SchülerInnen Klassen auffüllen, weil darin derzeit zu wenig Kinder  sitzen!)
Ferner habe es im Vorjahr „Kontingentüberschreitungen“ (!) gegeben. Man habe einen zu hohen Personalstand“  für die Pflichtschulen, und zwar  für „aktuelle und zukünftige Kontingente, weitere Überschreitungen habe es bei den    "Muttersprachlichen ZusatzlehrerInnen“ gegeben sowie bei „ native speaker  teachers “.


Tatsächlich haben die Einsparungen aber nichts mit sinkenden SchülerInnenzahlen zu tun. Die den Schulen für das kommende Schuljahr zugeteilten Stundenkontingente wurden – für mich ist einmal Penzing absehbar – trotz etwa gleich bleibender SchülerInnenzahlen neuerlich überall linear gekürzt!

Vorgegeben ist übrigens  auch das Ausmaß an Supplierstunden, (Vertretung bei Abwesenheit von LehrerInnen), obwohl LehrerInnen mittlerweile ohnehin eine ganze Arbeitswoche unbezahlt supplieren müssen! Der Wiener SSR hat mit einer runden Summe den „Supplieraufwand 2009/10“ – ganz einfach so - gedeckelt, der über alle Schularten hinweg nicht überstiegen werden darf.  (So viel Einfluss auf den Gesundheitszustand der laufend überalternden LehrerInnenschaft ist erfreulich, -  aber hoch beachtlich! Nirgendwo sonst legen DienstgeberInnen fest, wie wenig ArbeitnehmerInnen krank zu sein haben!)
Somit ist unausweichllich, dass Schulstunden entfallen müssen, wenn zu viel Geld für Vertretungsstunden anfallen könnten! Die SchülerInnen wird es freuen, - die lernen für ihre „Leistungsstandards“ zu Hause halt privat!


Tatsächlich werden die LehrerInnen nicht nur altersbedingt und auf Grundlage zunehmender Belastung zunehmend krank (der SSR führt aber nach Eigendarstellung keinerlei Aufzeichnungen über die nur bekannt werdenden „Burn-Out-Fälle“!),  sie bleiben (überwiegend in Wien) vielfach schon a priori nach der Ausbildung den Wiener Schulen fern bzw. flüchten förmlich in Schulen der Bundesländer.

Besonders fehlen seit jeher ständig LehrerInnen für Integration, sodass fachlich nicht ausgebildete LehrerInnen verwendet werden und gegebenenfalls nötiger Austausch von LehrerInnen unterbleiben muss. Dies ist seit Jahren bekannt, - als „Gegenmaßnahme“ ist auch für das kommende Schuljahr nun festgehalten, dass man weiterhin auf nicht ausgebildetes Personal setzt! (Wörtliches Zitat aus dem SSR: „Für die Wiederverwendung von 40-60 HauptschullehrerInnen ist eine zumindest temporäre Neuorientierung  in Richtung Sonderpädagogik zweckmäßig und wahrscheinlich notwendig“)

Aber selbst reguläre LehrerInnen sind häufig  nicht aufzutreiben, wenn sie benötigt werden, was für mich nur als Reaktion auf die schulpolitischen Gegebenheiten verständlich ist. Im Moment gibt es im Land Wien keinerlei verfügbaren LehrerInnen für Neueinstellungen, - keine für Volksschulen, keine für Hauptschulen, keine für Polytechnischen Schulen und schon gar keine für den Bereich der Allgemeinen Sonderschulen! Abgänge durch Pensionen und lange Dienstausfälle werden oft jahrelang nicht nachbesetzt, - und dennoch erhalten neu angestellte LehrerInnen seit Jahren für lange Zeit nur befristete Verträge mit erheblichen persönlichen Nachteilen daraus, -  weil es keine Dienstposten für sie gibt!


Dass sich das ändern könnte, würde mich trotz derzeit starken Zulaufs zu den Pädagogischen Hochschulen wundern! LehrerInnen sind vergleichsweise schlecht bezahlt, - und dennoch plant die Regierung Faymann weitere dienst- und   gehaltsrechtliche Verschlechterungen und hatte dazu letztens mehrere Boulevardmedien zu einer regelrechten Kampagne gegen "zu teure" LehrerInnen an der der Hand! 
Das wundert auch gar nicht, - hat man doch zuletzt ohnehin nicht vorhandenes Geld in Milliardenhöhe von der Hochfinanz bis zu den Autohändlern bedenkenlos ausgestreut, das dafür jetzt im Sozial- und Bildungs- und Gesundheitsbereich dramatisch fehlt und hinkünftig noch mehr fehlen wird. (SPÖ-Verkehrsministerin Doris Bures hat jüngst z.B. eine neue Abwrackprämie angekündigt, und zwar für Lkw, - selbst für ausländische Frächter !)

Völlig grotesk -  aber strikt logisch -  zuletzt, dass man vielfach auch keine geeigneten SchuldirektorInnen mehr findet, die sich antun möchten, in diesem verpolitisierten System schlecht gehaltene Marionetten abzugeben. 
Seit geraumer Zeit kandidieren  - zumindest in Wien und  grosso modo – fast ausschließlich parteinahe und politisch ohnehin vorgesehene und ausgesuchte LehrerInnen, die aber nicht selten im Verfahren von einem externen Personalberatungsbüro verheerende Beurteilungen erhalten.  Dazu hieß es zuletzt aus dem Wiener SSR, man werde sich bemühen – so keine geeigneten KandidatInnen zu finden wären – für eine Neuausschreibung (!) des Verfahrens gesetzliche Grundlagen zu schaffen. Ob sich dann für die politischen Schlangengruben bessere KandidatInnen im zweiten Versuch melden, halte ich aber für wenig  wahrscheinlich! (Die  absehbare Ablöse von  SSR-Präsidentin Susanne Brandsteidl nach den Wiener Wahlen wird daran natürlich nicht das Geringste ändern! Als Nachfolger wird seit längerem schon Herr Kurt NEKULA kolportiert, -  derzeit noch stiller Berater der Frau Unterrichtsministerin.)

Für ganz wenig wahrscheinlich halte ich im übrigen zuletzt aber, dass man irgendjemand mit Verstand hierzulande politisch ernsthafte Bemühungen für eine zeitgemäße Schulpolitik glaubhaft machen könnte, so lange im Wiener SSR, dessen Einklang mit der SPÖ-Ministerin nicht abgestritten werden kann, für das Schuljahr 2009/10 wörtlich (!) grundlegend Folgendes dekretiert ist: „Der Glaube an kleine Klassen schafft nur Schulraumnot, keine Planstellen!“


Wolfgang Krisch, 2.9.09  
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