Die Testpakete liegen schon bereit - der große Wiener Lesetest 2011 soll ab heuer jährlich stattfinden! Und zwar ganz ohne Datenschutz
!



„Wiener Lesetest 2011“: Wien speichert Testergebnisse aller Wiener SchülerInnen ab heuer namentlich !

Für Leistungstests an Schulen dürfte Datenschutz irgendwie abgeschafft sein!


Sollte Ihnen kommenden Mittwoch, 6.April, Ihr Kind aus einer 4.VS-, 4.HS-(KMS etc.) oder 4.AHS-Klasse von der Schule nach Hause kommen und von einem lustigen Test berichten, an dem es teilnehmen musste, schrecken Sie sich nicht gleich sehr! Es wird sich nur um den Wiener Lesetest 2011 gehandelt haben, der heuer erstmals stattfindet und gute Chancen hat, kultig zu werden. 

Der Test ist – man kennt Wiens Generalstabsarbeiten diesbezüglich – bis ins Detail geplant und  vorbereitet:  Schulleitungen und LehrerInnen wurden mit vielseitigen Instruktionen bedacht (für SchulleiterInnen fünfseitig, für LehrerInnen neunseitig), zu den Einschulungen im Stadtschulrat mussten LehrerInnen von ihren SchulleiterInnen eskortiert werden, wonach Anweisungen aus Wiens Bildungsschmiede zuletzt durch im BIFIE ihrerseits geschulte s.g. Headtester(Kopftester!) auf das Diffizilste bis ins letzte Glied eingeschult wurden!  

Das durchführende LehrerInnen-Personal hat bei der Arbeit am Testobjekt nunmehr ein förmliches Drehbuch vorliegen und striktest zu beachten, - ich persönlich bereite mich seit Tagen vor! Jedes einzelne Wort, grau unterlegt und in einem Rahmen hervorgehoben, haben nämlich wienweit LehrerInnen ihren SchülerInnen exakt im vorgegebenen Wortlaut vorzulesen, damit die Ergebnisse in allen Wiener Hieben exakt vergleichbar sind.  (Allein die Mimik der LehrerInnen ist unvorsichtiger Weise ebenso wenig festgelegt, wie deren Aufstellpunkt im Klassenraum, - ich fürchte, damit könnte schon die nötige Vergleichbarkeit nuanciert in Frage stehen!)


Am 6. April werden daher alle DeutschlehrerInnen des Landes, einer Klasse zugeteilt, in der sie nicht unterrichten, in der 1., 2. oder 3. Einheit – so viel Freiheit darf sein – vor die ProbandInnen treten und ihnen heißen, die Tische vollständig leer zur räumen und Ruhe zu halten! Darnach ist der Zielgruppe nichts ferner als folgender Begrüßungstext“ als „Aufgabe 3“. wörtlich vorzulesen:

„Ich möchte mit euch Leseaufgaben machen, um herauszufinden, wie gut ihr lesen könnt. Alle Wiener Schülerinnen und Schüler der vierten Klassen in Mittelschulen und Gymnasien machen diesen Test. Im Juni werdet ihr dann erfahren, wie gut ihr abgeschnitten habt. Ich werde nun das Material für den Test aushändigen. Der erste Teil misst eure Lesegeschwindigkeit. Wenn ihr das Heft erhaltet, wartet bitte mit dem Lesen, bis ich euch ein Zeichen zum Start gebe.“

Erstmals bin ich als Wiener Lehre damit über „Instruktion“ meines Dienstgebers zu glattem Lügen und einer wunderlichen Begrüßungsformel genötigt!  Ich beispielsweise grüße nämlich SchülerInnen deutlich anders und möchte nicht die Bohne diese „Leseaufgaben machen“, um angeblich herauszufinden, wie gut eine mir fremde Klasse lesen kann. Denn in jenen Klassen, die ich unterrichte, weiß ich im Normalfall ziemlich ganz genau,  wie gut gelesen wird. (Wissen will das alles nur Wiens SPÖ, wer dort aber genau jetzt gerade, weiß ich auch nicht, - entweder Frau SSR-Präsidentin oder Herr Bürgermeister, Herr Stadtrat, Laura Rudas oder gar Bildungsexperte Hannes Androsch?) 

Wenn sodann die Anwesenheit kontrolliert und die vorzusehende „Sitzordnung herzustellen gewesen sein wird, ist ein zugestelltes „Klassenpaket“ aus der Verpackung zu öffnen, ehe die mitgelieferten  Fineliner und die Testhefte ausgeteilt werden. Anschließend stehen nur noch wenige Anordnungsformeln und Durchführungbestimmungensanordnungen im vorgegebenen Wortlaut vorzulesen an, ehe die Testbeginnzeit in ein Testformular einzufügen und Los!“ zu sagen ist. Der im SSR vermuteten  Testhypothese zu Folge lesen danach SchülerInnen exakte drei Minuten im Testheft (für eine sekundengenaue Stoppuhr ist schriftlich empfohlen, sich an die Turnlehrer zu wenden!), beendigen die Lektüre nach dem Befehl „STOPP“ mit einem abverlangten Strich hinter dem letztgelesenen Wort und kreisen bzw. kringeln ferner jene Zahl am Ende der Zeile ein, in der sich schon der selbst gezogene senkrechte Strich aufhält. Jetzt sähe der Wiener SSR den Lesegeschwindigkeitstest in exakte Erfüllung gebracht.

Wonach als „Aufgabe 5.“ eine „Aktive Pause/Lüften“ zu erfolgen hat, was mit folgenden Worten an die ProbandInnen heranzutragen ist : „Bitte steht jetzt auf. Bitte sprecht nicht über den Text, wir machen jetzt ein paar Übungen zur Auflockerung“!
Befohlen sind nun Bewegungsübungen in Dauer von ca. 2 Minuten, erstmals mit gewissem Gestaltungsspielraum für das Lesetestleitungspersonal. Wem nichts deutlich Lustigeres einfällt, der hält sich ans Drehbuch, wo es heißt, den SchülerInnen anzuordnen:

„ - macht 10 Strecksprünge
-  lauft am Stand
-  hebt 10x die Schultern.“


Nicht vergessen darf aber dabei sein, die Fenster wie angeordnet zu öffnen und zu „ lüften “, ferner wird von den TestsitzungsleiterInnen erhofft, dass sie vielleicht Sie die Übungen mit den Schülern mitmachen können“.

Sobald dann die „target population“ aller erhobenen 52 523 Zehn- und Vierzehnjährigen Wiens zeitgleich das zehnmalige Schulterheben beendet haben wird, müssen als „Aufgabe 6, Instruktion für 2 vorgelesen“ werden. Die SchülerInnen dürfen Fragen zu gelesenen Inhalten durch Ankreuzen beantworten, erhalten nach exakt 40 Minuten“ auf das Kommando „Stopp“ die Aufforderung, den Stift bitte wegzulegen und haben wortwörtlich bedeutungsschwer zu erfahren: Der Test ist jetzt zu Ende.
Soweit, so lustig und eigentlich noch nicht grundsätzlich viel schädlicher als sonstiges Schulgeschehen,  - vermute ich mit üblichem Optimismus!
(Der Plot ist auch hier nur deshalb in seiner Überlänge angeboten, damit einmal derzeit übliche SSR-Instruktionen in etwa erahnt werden können!)



Weniger Optimismus ist aber zur Vorsehung des Wiener Stadtschulrates angebracht, die Testergebnisse in elektronischer Datenverarbeitung unter dem Namen des getesteten Kindes abspeichern zu lassen, - denn das verstößt selbstverständlich gegen klare Maßgaben trivialster Datenschutznormen!  Natürlich könnte man auch diese Normverletzung entspannt sehen, - mittlerweile sind Datenschutzverletzungen im Schul- und Bildungswesen hier zu Lande gewöhnliche und laufend geübte Vorgänge, und Eltern haben ohnehin meist keine Ahnung, was alles hiesige Schulverwaltungen über ihre Kinder glauben abspeichern zu müssen! (Trauen Sie sich z.B. einmal, ohne Angabe Ihrer Sozialversicherungsnummer Ihr Kind in der Schule bloß anmelden zu wollen!)

Neu ist nur, wie Im Falle des Wiener Lesetests der fehlende Datenschutz diesmal charmant erklärt ist: Die Testergebnisse aller Kinder und Jugendlichen, so will man glaubhaft machen,  werden nur deshalb unter ihrem Namen abspeichert, weil die individualisierten Ergebnisse“ (pdf-Dokument in A4) im Juni elektronisch an die Schulen gesandt werden, wo sie auszudrucken und mittels Unterschrift und Stempel offiziell zu bestätigen“ sind, damit im kommenden Schuljahr die gezielte Maßnahmen zur Förderung der Lese-Textverstehens-Kompetenzen ergriffen werden“.



Für die zur heurigen Testung befohlenen 15 372 VolksschülerInnen und 8849 AHS-SchülerInnen werden dann die „gezielten Maßnahmen“ irgendwo in AHS-Oberstufenklassen bzw. 1. Klassen von Haupt- oder AHS-Klassen ergriffen, -  nur für 8302 HauptschülerInnen wird es natürlich schon diffiziler! Sofern diese nicht in Polytechnischen Schulen, 5.AHS-, 1.BMS oder 1.BHS-Klassen zu weiterer Bildung verhaftet sein könnten, müssten für sie als Lehrlinge natürlich ganz allein die p.t. Lehrherren/frauen oder das Anlernpersonal in diversen Berufstätigkeiten zum gezielten Maßnahmenergreifen zuständig sein! Denn nach 4.Klassen einer Hauptschule –  sofern ja für nächstes Jahr nicht ebenso heimlich wie jäh fünfklassige Hauptschulen bereit stehen  –  haben im Normalfall zahlreiche SchülerInnen ihre simpelste Schulpflicht beendet! ( Aber vermutlich werden auch diese Jugendlichen als Lehrlinge an einer Wursttheke, einer Werkbank, in einer Montagegrube oder sonstwo der gezielten  SSR-Leseförderung teilhaftig werden, wenn dorthin die SSR-LesetestausheckerInnen im nächsten Schuljahr in Förderabsicht penibel ausrücken! )

Klar ist nur, dass SchülerInnen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf keinesfalls getestet werden dürfen!  Sowieso, - denn um die in ihren Klassen gut integrierten SchülerInnen bemühen sich LehrerInnen das ganze Jahr heftig, ihr Lesevermögen ist nicht selten vom Rest der Klasse kaum zu unterscheiden - zum Lesetest allerdings sind die Armen aber auszusondern, denn das definiertes Ziel ist klar: Individuelle Orientierungshilfe zu geben und den Unterricht noch gezielter entlang der Stärken und Schwächen der Kinder zu gestalten (SSR-Präsidentin Susanne Brandsteidl, PK am 3.3.2011). So ein schönes Ziel passt offensichtlich irgendwie nicht zum sonderpädagogischen Unterricht!

Bewusste SchülerInnen gut geführter Klassen haben in Vorausankündigung der Dinge übrigens spontan geäußert, den Test „aber sicher nicht“ mitzumachen! Das beweist zwar erfreulich selbstbestimmtes Mitdenken! Ich habe aber dennoch locker empfohlen, doch teilzunehmen, denn wer fehlt, muss binnen Wochenfrist nachgetestet sein und über Strafen und Zwangsmittel bei dauerhafter Testverweigerungsdeliquenz könnte ja noch was im Busch sein !

Jedenfalls ist sicher, dass das Testmaterial selbst nur die SchülerInnen zu Gesicht bekommen dürfen (das Kopieren des Tests ist unter Hinweis auf einen "Vertragslizenznehmer" streng verboten!), womit sich das Unterfangen auch schon einmal bestens jeder fachlichen Beurteilung und einer solchen der Öffentlichkeit bravourös völlig entzieht! Welche Lesekunststücke daher allen Wiener 10- bzw. 14-Jährigen abverlangt werden, darf daher nur der SSR wissen!  Interesse am Testinhalt ist aber jedenfalls stark angebracht: Bisherige Unterlagen zu den in Vorbereitung befindlichen Leistungsstandards des Wiener SSR haben nämlich manch PädagogInnen durch erstaunliche Fehlerhaftigkeit nicht schlecht überraschen können, - diese Tests finden aber erst später statt!)

Dass für den pekuniären Glückspilz an VerlangslizenznehmerIn reichlich Steuergeld für das angebliche Leseförderungsunterfangen zur Hand gewesen sein muss, ist  zuletzt am erstaunlichsten überhaupt! Sonst nämlich wird im Wiener Schulbereich seit geraumer Zeit nur genau eins gefördert: Laufendes Einsparen, Kürzen und Qualitätsmindern! Wien hat erst vor vier Wochen LehrerInnen-Arbeit im Ausmaß von 160 Vollbeschäftigungen innert sechs Tagen überraschend gekürzt und selbst ein erheblicher Teil des gesetzlich vorgeschriebenen Regel- und Mindestunterrichts an Wiener Pflichtschulen muss seit Jahren mit Überstunden geleistet werden – die Zahl der Krankenstände in hochgradig überalteten Lehrerkollegien ist mittlerweile enorm, und wenn sich SchulleiterInnen verhalten sehen, eine Stunde persönlich gehaltene Supplierung zur Bezahlung einzureichen, müssen sie die Notwendigkeit der obersten Schulaufsicht hinterher auch gern einmal schon schriftlich darlegen! ! Und weil für Erkrankte mangels Personal Unterricht oft auch gar nicht suppliert werden kann, gehen zur Zeit ganze Klassen nicht selten reichlich früher heim – und kommen notabene auch später in ihre Wiener Qualitätsschulen!)


Deutschunterricht – der Leseunterricht ist da beinhaltet -  bekommen Wiener SchülerInnen in 4. Wiener Hauptschulklassen übrigens zur Zeit  in einem Gesamtausmaß von exakt 200 (zweihundert) Minuten in der Woche, wenn alles gut geht!
Zieht man in Betracht, dass LehrerInnen bald nur mehr Tests inszenieren sowie Lernziel- und Leistungsstandardkontrollmaßnahmen durchführen werden, sollte man vermutlich – innovativer Vorschlag meinerseits - überhaupt gleich eine Wochenstunde davon fürs standardisierte Getestetwerden der SchülerInnen zu einem neuen Unterrichtsfach  erheben! Man könnte ja auch testen, was sich SchülerInnen selbst beigebracht haben! Der schwerwiegende Unsinn, Kinder so lange zu testen und für jeweils gerade die von irgendjemand verlangten „Leistungsstandards“ hinzubiegen, die rund um den Erdball auch noch genormt und vergleichbar sein sollen (PISA!), könnte damit entschieden voran getrieben werden, - ist ganz sicher

Wolfgang Krisch, 2.4.2011
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