„Modellregion“: Mehr Ressourcen oder mehr Verpackungsschwindel an Wiens Schulen?
Was SPÖ und ÖVP demnächst als Wiener Modellregion und Schulentwicklung bekannt machen, wird ziemlich leicht auf Tauglichkeit überprüfbar sein!



Gleißendes Licht ins bisherige Dunkel der Wiener Schulentwicklung ist für demnächst angekündigt, wie Ausführungen von SPÖ-Stadtschulratspräsidentin Dr. Susanne BRANDSTEIDL vor Weihnachten im Kollegium des Wiener SSR zu entnehmen war (hier mehr davon).

In Zusammenschau mit höchst informellen und äußerst diskreten Informationen, die den Wiener GRÜNEN seit längerem aus Fachkreisen zugegangen sind und zugehen, dürften sich für Wiens Schullandschaft ab dem Schuljahr 2009/10 aus heutiger Sicht die Dinge auf eine entscheidende Frage zuspitzen: Wird Wien ein deutlich nötiges Mehr an Ressourcen zur Verfügung stehen – oder soll lediglich zu bestehenden Mängeln frische Verpackung für bessere Vermarktung sorgen?

Tatsächlich scheint im Wiener SSR auf Basis bloßer SPÖ-ÖVP-Zusammenarbeit eine deutliche Verstärkung von großteils schon bestehenden durchaus positiven und innovativen Schulversuchsmodellen geplant zu sein, worauf erkennbare Dispositionen hindeuten.  Diese punktuellen Schulversuche wären allerdings weitgehend unabhängig von einer erwartbar großen und durchgängigen Reform der Sekundarstufe I (Schule der 10-14jährigen) zu sehen, - die von der SPÖ ursprünglich angestrengt war, bis sie von der ÖVP nach Vorgaben aus dem ÖVP-Nationalratsklub listenreich blockiert wurde.


Die - nach ÖVP-Gnade – als Schulversuch gerade ein wenig erlaubte und in Planung befindliche Neue Mittelschule“, deren Vorbereitung im Burgenland, der Steiermark und Kärnten am weitesten gediehen ist, wird zwar auch in Wien möglich werden! Allerdings als äußerst limitierte Einrichtung  und nur dort, wo es in AHS-LeherInnenkollegien eine überwältigende Zustimmung zu einer Zusammenarbeit mit Hauptschulen geben wird. Das ist für maximal eine Handvoll AHS in Wien erwartbar, und zwar aus folgendem Grund: Die ÖVP muss immerhin darauf achten, dass zumindest punktuell doch einige wenige Standorte gefunden werden, an denen ein Gesamtschulmodell erprobt werden darf. Denn jeden Schulversuch generell abzulehnen, hätte der ÖVP entschieden geschadet, sodass sie nun mit vereinzelter Erprobung und langer Evaluation die von ihr stark gefürchtete Gesamtschule für etliche lange Jahre einmal vom Tisch bekommt! (Im Fußball nennt man Dergleichen Zeitschinden).


Für die überwiegende Mehrheit der Wiener Hauptschulen und AHS (möglicherweise auch bei Beibehaltung von ganz fabulösen „Kooperationen“ mit BHS) dürfte Wiens SPÖ daher nichts Anderes einfallen, also notabene weiterhin an der Schimäre der „Kooperativen Mittelschule (KMS)festzuhalten, diese wohl mit neuen Details zu behübschen versuchen, und sich auch dabei noch von der ÖVP helfen zu lassen, die die KMS toll findet, weil sie ihr hilfreich ist, eine Gesamtschule zu hintertreiben.


Womit abzusehen ist, dass die bestehende s.g. “Kooperative Mittelschule“ in Wien zusätzlich ein wenig verkaufsfördernd aufpoliert und mit Sinn erfüllt werden soll, um das dürftige SPÖ-ÖVP-Ergebnis in der Schuldebatte weiterhin möglichst blickdicht zu verhüllen!


Nun ist aber die KMS, wie weithin längst vergessen oder für Laien ohnehin völlig undurchschaubar  ist, im Schuljahr 2003/04 in ganz Wien als schlecht simulierte „autonome Entscheidungen der Schulstandorte“ fast flächendeckend und überfallsartig tatsächlich jedenfalls oktroyiert eingerichtet worden, und zwar bei Vorgabe einer „wechselseitigen Zusammenarbeit“ (!) zwischen Hauptschulen und AHS/BHS-Standorten! Allerdings weit gehend ohne jede Bezug zur Realität und zum Großteil mittels Haar sträubender Scheinkonstruktionen!

Nachdem aber die fast flächendeckende Einführung der KMS in ganz Wien aus schulrechtlichen Gründen a priori niemals möglich gewesen wäre, verkam die KMS binnen weniger Jahre zur bis heute rechtsgültigen Darstellung aus dem Bundesministerium, es handle sich bei der KMS um nichts sonst als um „Hauptschulen! Der Terminus „Kooperative Mittelschule“ sei lediglich eine „Zusatzbezeichnung“ (sic!). Dazu wurde obendrein verfügt, dass KMS-Zeugnisse der 4.Klasse - in Verschlechterung der Dinge - in Deutsch, Englisch und Mathematik Noten in Leistungsgruppen auszuweisen hätten.

Bis heute sind also „Kooperative Mittelschulen“ nach wie vor schulrechtlich gar nichts sonst als Hauptschulen, die ein irreführendes neues Türschild zur besseren öffentlichen Akzeptanz zieren! In der produzierenden Wirtschaft würden KonsumentInnen Dergleichen unschwer als plumpen Verpackungsschwindel bezeichnen!  (Dass an Wiens Kooperativen Mittelschulen dennoch engagiert und in Anbetracht der Möglichkeiten nicht selten höchst erfolgreich gearbeitet wird, bleibt von dem Faktum völlig unberührt!)
 

Äußerst berührt sind allerdings zunehmend Eltern von Wiens VolksschülerInnen, deren Druck auf Kinder, LehrerInnen und Schulbehörden alljährlich größer wird, um für ihr Kind in jedem Fall nach der 4.Klasse den Besuch einer weiter führenden AHS zu sichern! Denn nichts ändert sich an einem Faktum, wie immer man im Land Wien Hauptschulen positiv benennen, umbenennen oder ideenreich sonst wie bewerben möchte: Nur wer es überhaupt nicht mehr vermeiden kann, schickt sein Kind in die ungeliebte Hauptschule! (Diese Einstellung scheint zumindest im Land Wien durch Schulpolitik und Schulverwaltung relativ unbeeinflussbar, - die Folgen sind fatal: Übliche AHS-Unterstufenklassen in Wien nehmen längst die verhinderte Gesamtschule vorweg, ohne dass das die ÖVP erkennen möchte, die Hauptschule mutiert zur gemiedenen Restschule, enormer Selektionsdruck auf SchülerInnen beginnt damit irrwitzig bereits in frühester Volksschulzeit! Wer kein optimales Abschlusszeugnis einer Volksschule erreicht, hat derzeit kaum Chancen auf einen Schulplatz in der gewöhnlichsten AHS, - womit man Schülerströme natürlich auch in Richtung Hauptschule ziemlich willkürlich zu lenken versucht!)
 

Sollten SPÖ und ÖVP aus gänzlich unterschiedlichen Motiven nun daran denken, der komplex verfahrenen Situation dadurch Herr/Frau werden zu wollen, indem man an Hauptschule das seltsame Schild „Kooperative Mittelschulegegen ein neues austauschen wollte, um damit eine Wiener „Modellregion“, darzustellen, wird dies  neuerlich fulminant scheitern! Man kann lediglich den Druck auf LehrerInnen (unter weiterer Außerachtlassung bzw. Hintertreibung des SchUG bes. zu §§ 43,44, 47, 61) verstärken, um zu versuchen, das Reformunvermögen divers relevanter Politik und verpolitisierter Schulverwaltung durch immer dirigistischere und politisch bedingte Eingriffe in ständig zunehmenden Ausmaß nur ja nicht erkennbar werden zu lassen!


Bewusste Eltern und die interessierte Öffentlichkeit erkennen aber mittlerweile derartiges Treiben selbst ohne tiefere Fachkenntnisse leicht! Denn auch im Schulbetrieb gilt, was als basales Gesetz der globalen Marktwirtschaft nirgendwo sonst in Frage steht: Ohne ausreichende Ressourcen scheitern ambitionierte Pläne in Institutionen verlässlich!  Das gilt auch für Schulsysteme, zu denen die Gesellschaft ohnehin oft erstaunlich utopischen Ansprüchen so nachhängt, als wäre Unterricht und Erziehung unabhängig von oft fragwürdigen gesellschaftlichen Generalzuständen dennoch erfolgreich gestaltbar!

Dass ausgerechnet dem Land Wien für irgendetwas an „Modellregion“ innerhalb der bundesweit versuchten „Reformschritte“ jene zusätzlichen Mittel zur Verfügung stehen könnten, ohne die selbst beste Konzepte letztlich nicht umsetzbar sind, ist zwar denkbar, denn die Probleme einer Millionenstadt kennt man nirgendwo in den Bundesländern!  Es würde allerdings höchst überraschen! Denn für das Land Steiermark gab es zuletzt keinerlei zusätzliche Bundesmittel, - die relativ geringen Mehrkosten für dort geplante Standorte des Schulversuchs „Neue Mittelschule“ soll nach resignativer Entscheidung von SPÖ-Landeshauptmann Franz VOVES das Land Steiermark aufbringen!

Der Wiener Landeshauptmann und Präsident des Wiener Stadtschulrates, Dr. Michael HÄUPL, hat dazu erst vor wenigen Tagen neuerlich dezidiert ausgeschlossen, dass Wien für fehlende Bundesmittel budgetär einspringen könnte! Diese Haltung scheint unverrückbar, - zudem hat Wien allein schon damit größte finanzielle Probleme, als Schulerhalter da und dort nur die simpelsten Qualitätsstandards zum Raumbedarf (!) von Schulen in ferner Zukunft erwartbar sichern zu können (wollen, sollen)!

Man wird daher die in absehbarer Zukunft die angekündigten SPÖ-ÖVP-Vorstellungen einer Wiener Modellregion schlicht und einfach an den zusätzlichen Ressourcen messen können, die zur Verfügung stehen müssen, will man sich nicht weiterhin dem Vorwurf groben Verpackungsschwindels aussetzen!

Wolfgang Krisch, 5.1.2008

Schwamm drüber!